Was für eine Woche! Eigentlich wollten wir nach unserer kleinen Kulturreise rund um Roskilde und Helsingør nun langsam wieder mehr Meilen unter den Kiel bekommen. Stattdessen sind wir zunächst von einem kulturellen Höhepunkt zum nächsten geradelt: Seefahrtsmuseum, Kronborg, Louisiana, Rungstedlund und schließlich Schloss Frederiksborg – dazwischen viele Kilometer auf dem Fahrrad und mindestens ebenso viele Eindrücke im Kopf.
Und dann übernimmt der Wind das Kommando. Aus dem geplanten Weitersegeln Richtung Schweden wird erst einmal ein unfreiwilliger Hafentag nach dem anderen. Während draußen 7 bis 8 Beaufort durch Gilleleje pfeifen, entdecken wir die Küste zu Fuß, folgen den Spuren Søren Kierkegaards, treffen alte und neue Freunde und lassen es uns trotzdem gut gehen.
Allerdings gibt es auch weniger erfreuliche Nachrichten von Bord: Die Wassermenge in der Bilge nimmt zu und auch Diesel findet sich wieder dort, wo er definitiv nicht hingehört. Das lässt uns über eine vorzeitige Rückkehr nach Hause nachdenken.
Aber noch sind wir unterwegs. Und so wird auch diese Woche wieder zu einer bunten Mischung aus Segeln, Kultur, Natur, Begegnungen, gutem Essen – und der Erkenntnis, dass an der Küste manchmal eben nicht wir bestimmen, wohin die Reise geht.
Samstag, 01.08.2026 – Roskilde – Hafentag
Der gestrige Tag in Kopenhagen war ganz schön anstrengend, aber Ausruhen ist heute noch nicht angesagt. Wir räumen die Räder aus der Heckkabine und radeln zum Bahnhof. Dort besteigen wir den Zug nach Helsingør. Die Fahrt können wir nutzen, um unsere Bilder für den Bericht zu sortieren. Unser Ziel in Helsingør ist das „M/S Museum für Seefahrt“. Schon der Zugang ist beeindruckend: Das Museum wurde in ein altes, teilweise unterirdisches Trockendock hineingebaut. Der Zugang erfolgt über eine lange Rampe und diese schräge Ebene setzt sich auch im Eingangsbereich und Museum fort. Im Zickzack schieben sich die verschiedenen Ebenen des Museums übereinander und vermitteln so ein Gefühl für Deck und Meer.


Die Toiletten für Damen und Herren liegen nebeneinander und sind farblich als Backbord und Steuerbord markiert.







Neben der Architektur begeistert uns auch hier das Storytelling und das Konzept. Der Fokus liegt auf der Entwicklung der dänischen Handelsmarine vom Zeitalter der Segelschifffahrt bis zu modernen Containerschifffahrt. Die Themen reichen von der Kolonialisierung bis zum Klimawandel. Auch hier folgt die Museumspädagogik einem multimedialen Konzept und macht mit Soundtracks, Filmen, historischen Schiffsmodellen und persönlichen Seemannsgeschichten die Schifffahrt greifbar. Besonders ausdrucksstark wird Bordverpflegung jeweils mit einem gedeckten Tisch dargestellt. In den Anfängen der Handelsschifffahrt war der Proviant denkbar schlecht und die Folgen der Mangelernährung entsprechend verheerend (Skorbut, Typhus, Ruhr). Über 50% der Todesfälle gingen auf dieses Konto. Heute sieht die Verpflegung auf den Containerschiffen ganz anders aus. Auch zwei Fotoausstellungen fesseln uns. Eine zeigt heutige Seeleute auf Containerschiffen bei der Arbeit und der Freizeit, eine andere beeindruckende Unterwasserfotografie von Wracks.






Nach 1,5 Stunden kommen wir wieder ans Tageslicht und beschließen in der benachbarten Kronborg unser mitgebrachtes Picknick einzunehmen. Es ist frisch geworden, die Sonne zeigt sich nur spärlich und der Wind ist richtig unangenehm. Also heißt es ein windgeschütztes Plätzchen finden und sich anschließend im Schloss aufzuwärmen, denn auch hier gilt die Copenhagen Card.








Diese Idee haben nicht nur wir: es ist rappelvoll und bis auf die spektakuläre Lage samt Ausblicken auf den Øresund, begeistern uns nur der große Ballsaal und die Kasematten. Ersterer war mit einer Länge von rund 62 Metern bei seiner Fertigstellung im Jahr 1582 der größte Renaissancesaal Nordeuropas. Heute sind hier in einem großen U lange Tafeln festlich für ca. 130 Personen gedeckt. Die Floristen legen letzte Hand an die Blumendekoration an, die durchgehend in einem dunklen Bordeaux gehalten ist. Auf Nachfrage erfahren wir, dass hier abends eine Hochzeit gefeiert wird. In den Kasematten bekommt man einen bedrückenden Eindruck davon, wie sich Gefangene hier gefühlt haben müssen. Nur wenige schwach gelblich leuchtende Lampen beleuchten die Gewölbe spärlich. Der Boden besteht überwiegend aus fest gestampfter Erde und ist sehr uneben. Die wenigsten Besucher können das ertragen und so flammen überall die Handytaschenlampen auf, leider.









Nun besteigen wir endlich unsere Räder und fahren entlang des Øresundes in Richtung Süden. Unser Ziel ist das Museum für moderne Kunst „Lousiana“ in Humlebæk, dass wir nach 12 Kilometern erreichen. Das Herzstück des Museums bildet eine alte weiße Patriziervilla aus dem 19. Jahrhundert. Ihr Erbauer benannte das Anwesen nach seinen drei Ehefrauen, die kurioserweise alle Louise hießen. Das 120 Hektar große Parkgrundstück des Museums liegt oberhalb des Hafens von Humlebæk und bietet einen tollen Blick über den Sund. Ab 1958 wurden an die Ursprungsvilla verschiedene Glasgebäude in unterschiedlichen Ebenen angebaut, die sich wunderbar in den Park einfügen und durch ihre Glasfronten immer wieder beeindruckende Ausblicke auf Sund und Skulpturenpark ermöglichen. Auch ein Café mit Ausblick ist natürlich vorhanden. Neben der permanenten Sammlung von mehr als 4.000 Werken aus klassischer Moderne und Gegenwartskunst, gibt es jedes Jahr sechs bis 10 Wechselausstellungen. Der Kunstbegriff ist weit und naturgemäß kann nicht jeder mit allem, was darunter fällt etwas anfangen. Uns gefällt tatsächlich die Hülle besser, als der Inhalt.




Anschließend folgen wir wieder den Wegweisern des Radweges Nr. 9 in Richtung Kopenhagen bis wir nach erneut 10 Kilometern den Hafen von Rungsted passieren. Kurz hinter dem Hafen liegt das Anwesen „Rungstedlund“ von Karen Blixen, vielen bekannt aus dem Buch und Film „Jenseits von Afrika“. Hier wurde sie geboren, hier war viele Jahre ihr Rückzugsort, hier schrieb sie ihre Bücher von 1931 bis zu ihrem Tod 1962 und hier liegt sie begraben. Leider haben wir im Vorwege bei den Öffnungszeiten nicht genau genug hingeschaut. Nur Donnerstag und Freitag ist länger geöffnet, heute schließen die Türen um 17:00 Uhr. Uns bleibt nur eine gute Viertelstunde – eindeutig zu kurz, um tief in die Lebensgeschichte von Karen Blixen vor Ort einzusteigen, aber lang genug, um durch das Haus neugierig zu werden, dies im Nachhinein zu tun. Karen Blixen, die von 1914 bis 1931 in der Nähe von Nairobi eine Kaffeeplantage betrieb, bestimmte in ihrem Testament, dass ihr Vermögen nach ihrem Tod in eine Stiftung gehen würde, die das Haus genauso erhalten soll, wie sie es verlassen hat. Und genau diesen Eindruck macht es auch. Karen Blixen verstarb 1962 als vermögende Frau. Sie hatte zwar beim Niedergang ihrer Kaffeeplantage ihr gesamtes Erbe verloren und musste demütig zurück in ihr Elternhaus nach Rungstedlund ziehen. Aber im Laufe ihres weiteren Lebens wurde sie zu einer erfolgreichen Autorin, die unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte. Alle Rechte an ihren Werken gingen an die Stiftung über. Neben der Vorgabe, Haus und Anwesen so zu erhalten, wie es war, legte sie auch fest, dass das Haus als Hauptquartier und Tagungsort für die Dänische Akademie (Det Danske Akademi) dienen sollte. Die Stiftung hatte von Beginn an die Auflage, das 16 Hektar große Vogelschutzgebiet sowie die historischen Gebäude instand zu halten. Ihr fehlten dafür jedoch fast 25 Jahre lang die nötigen finanziellen Mittel. Die laufenden Bucheinnahmen reichten für die enormen Kosten der Restaurierung und den Umbau zu einem öffentlichen, sicheren Museumsbetrieb schlichtweg nicht aus. Das änderte sich nach dem Erfolg der Verfilmung von „Jenseits von Afrika“. Es begann ein Run auf ihre Bücher und die Einnahmen stiegen sprunghaft. Endlich war es somit möglich, die enormen Kosten der Restaurierung und den Umbau zu einem öffentlichen, sicheren Museumsbetrieb zu stemmen. 1991 öffnete das Haus seine Türen für die Öffentlichkeit. Beeindruckend sind neben der originalen Einrichtung (eine Küche aus den 1950ern!) auch die wundervollen Blumengestecke im ganzen Haus, die eine direkte Fortführung einer tiefen persönlichen Leidenschaft von Karen Blixen selbst sind. Sie sah Blumen als Kunstform und als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und war dafür bekannt, oft Stunden damit zu verbringen, Blüten, Zweige, Gräser und sogar Unkraut zu spektakulären Kompositionen zusammenzufügen.











Leider schließt auch das angegliederte Café um 17:00 Uhr und so durchstreifen wir nur einmal den Garten, aus dem noch heute viele Blumen für die Arrangements kommen und fahren dann mit den Rädern durch den dazugehörenden Park, vorbei an ihrem Grab, auf dem ein paar vertrocknete Blumen liegen. Mit der Bahn geht es zurück nach Roskilde, zum schnellen Einkauf und verdientem Abendessen. Danach steht noch der Bericht an. Zum Glück sind die Bilder schon gesichtet und der Text geschrieben. Obwohl nur noch der technische Part fehlt, wird es eine Nachtsitzung…
Sonntag, 02.08.2026 – Roskilde – Frederiksværk – 22 Seemeilen
Heute wollen wir den westlichen Wind nutzen und den Roskildefjord wieder hinaufsegeln. Von der Herfahrt wissen wir um die schmalen Fahrwasserabschnitte und den erzwungenen Zickzackkurs. Aber der Wind meint es gut mit uns und dreht etwas südlich, so dass wir bis ein ganz kurzes enges Stück, alles segeln können. Leider haben wir nur die Öffnungszeit der Brücke nicht richtig im Gedächtnis. Die Öffnung zur halben Stunde beginnt erst mittags. Als wir vermeintlich pünktlich um 10:30 Uhr dort ankommen, sind keine Lichtsignale erkennbar und uns wir werden nach Rückfrage auf 11:00 Uhr vertröstet. Unser heutiges Ziel heißt Frederiksværk, denn von dort kann man mit der Bahn Hillerød erreichen, wo sich mit Schloss Frederiksborg das größte und bedeutendste Renaissanceschloss Nordeuropas befindet. Das monumentale Wasserschloss liegt prachtvoll auf drei kleinen Inseln im Schlosssee und wird von einem beeindruckenden Barockgarten und Park begleitet. Häufig wir es auch als das „dänische Versailles“ bezeichnet. Wir finden einen Liegeplatz mit der Nase im Wind und kommen ins Gespräch mit dem dänischen Eigner des Nachbarbootes. Als er von unseren Plänen erfährt, bietet er uns eine Mitfahrgelegenheit nach Hillerød an. Er ist gerade aus dem Urlaub zurückgekommen und wohnt dort. Das ist prima! Unterwegs bekommen wir so noch ein paar Informationen und Empfehlungen mit auf den Weg.







Wir starten mit der kleinsten Kreuzfahrt Dänemarks auf dem Schlosssee. Dabei bekommen wir schon mal einen guten Eindruck der Anlage. Leider ist ein Teil des Schlosses gerade eingerüstet, weil aufwendige Sanierungsarbeiten im Gange sind. Nach der halbstündigen Seefahrt, geht es nun ins Schloss. Vier Könige haben sich hier als Bauherren verewigt: zwei Frederiks (II und IV) sowie zwei Christians (IV und V). Frederik der II begann den Schlossbau 1560. Sein Sohn Christian IV, bereits auf dem Schloss geboren, behielt nur zwei Rundtürme und schuf das prachtvolle Renaissance Meisterwerk, das Besucher heute sehen. Christian IV war als leidenschaftlicher „Bauherren-König“ bekannt. Die nachfolgenden Könige Christain V und Frederik IV werden als die „Barock-Erweiterer“ des Schlosses bezeichnet. Der eine im Innenbereich, der andere im Garten. Wir sind von den schmuckvollen Decken, den Gobbelins und der schieren Größe des Schlosses beeindruckt. Die mehr als 10.000 Porträts aus über 500 Jahren dänischer Geschichte erschlagen uns allerdings. Interessant ist dagegen die Ausstellung zur Restaurierung der Skulpturen der Marmorgalerie im Innenhof. König Christian V ließ den Königstrakt mit einer prachtvollen, offenen Loggia – der Marmorgalerie – schmücken. Die Dekoration war wie ein römischer Triumphzug gestaltet, um die absolute Macht des Königs visuell zu untermauern. Die Skulpturen waren – anders als es der Name vermuten lässt – aus schwedischem Sandstein gefertigt, dass stark verwitterte. Bei einem verheerenden Brand 1859 wurden sie noch weiter beschädigt. Damals entschied man, sie einzulagern und durch Zinguss-Figuren zu ersetzen. Aktuell werden nun alle 19 Skulpturen bis 2028 von Meister-Steinmetzen originalgetreu – nun aber in Marmor – nachgebaut. In einem Video wird anhand der zweijährigen Arbeit einer Steinmetzin gezeigt, wieviel Aufwand betrieben wird, um die Figuren möglichst millimetergenau nachzubilden – sagenhaft!





























Nach knapp zwei Stunden verlassen wir erschlagen das Schloss und spazieren zu einem empfohlenen Café. Uns stecken nun 4 Tage Kultur mit täglich zwischen 10 und 20 Kilometern in den Knochen. Wir schaffen gerade noch einen Blick in den unglaublich exakt symmetrischen Barockgarten mit kilometerlangen Buchsbaumhecken in Form der Monogramme von Frederik dem IV (Erbauer des Gartens), seinen Nachfolgern Christian VI und Frederik V sowie Königin Margarethe II, die sich für die originale Wiedergeburt von 1993-1996 eingesetzt hat. Für uns als Gartenbesitzer interessantes Detail: Der Garten wird von 4-6 festangestellten Gärtnern gepflegt. Der Barockgarten umfasst dabei 7 Hektar, der gesamte Garten 120 Hektar. Dabei müssen nicht nur Kilometer an Buchsbaumhecke geschnitten, sondern auch noch 130 Linden in Kegel- oder Kugelform gestutzt und jedes Jahr alle 84 Teracottagefäße mit Agapanthus, Olive & Co eingelagert werden.













Zurück geht es nun mit der Bahn und zu Fuß. Nach dem Abendessen wird am Bericht geschrieben – so viel haben wir gesehen. Wir haben Sorge, die Hälfte zu vergessen, wenn wir es nicht gleich „zu Papier“ bringen…

Montag, 03.08.2026 – Frederiksværk – Lynæs – 7 Seemeilen
Skipper Werner wird von lauten Geräuschen geweckt. Heute am Montag wird im benachbarten Stahlwerk früh mit der Arbeit begonnen und das ist nicht geräuschlos. Statt einer Wanderung auf der Halbinsel im größten See Dänemarks zu machen, beschließen wir, nach dem Morgengetränk den Hafen zu wechseln und nach Lynæs zu fahren. Vorher noch ein Blick in die Bilge. Sowohl die Motorbilge, als auch die tiefe Bilge sind wieder voll. Den Diesel aus der Motorbilge pumpen wir als erstes ab und füllen ihn in einen unserer transparenten Kanister. Es scheint mehr zu werden… Dann kommt das Wasser in der tiefen Bilge dran. Da holen wir 20 Liter raus. Auch diese Leckage am Koker (Durchführung des Ruders) scheint sich zu verschlimmern. Spaß macht das nicht – wir beschließen noch engmaschigere Kontrolle und ggf. vorzeitige Rückkehr in die Heimat.
Leider gibt es keinen Wind, erst am Nachmittag und so lange wollen wir nicht im Cockpit sitzend den Geräuschen aus dem Stahlwerk lauschen. Also werden die knapp 7 Meilen unter Maschine zurückgelegt. Pünktlich zum Frühstück, ist Jento fest in Lynæs. Um den morgendlichen Frust etwas abzumildern, gönnen wir uns heute mal ein Frühstücksei.
Nach einer kleinen Wohneinheit brechen wir dann zu einer kleinen (Einkaufs-) Wanderung entlang der Küste nach Hundested auf. Dort gönnen wir uns dann auch noch eine kleine Fika im Café Dagmar – ein sehr schöner Ort mit kleinem Hofplatz, leckeren Kuchen (warmer Rhabarber Crumble mit Vanilleeis + Schoko-Kokos-Tarte) und perfektem Cappuccino. Mit dem Einkauf für ein gutes Abendessen geht es zurück zum Boot. Der Skipper wandert noch in die Fluten (hier ist es extrem flach und man kann hunderte Meter hinausspazieren, ohne dass das Wasser höher als hüfthoch steigt). Dann nutzen wir die wieder sehr schönen Duschen und kehren an Bord für Abendessen, „Family Call“ und Fotobearbeitung zurück.






Zum Sundowner verschlägt es Skipperin Barbara nochmals von Bord – der Himmel sieht zu schön aus!




Dienstag, 04.08.2026 – Lynæs – Gilleleje – 25 Seemeilen
Schon beim Morgengetränk nehmen wir die leichte Brise aus Ost-Südost wahr. Damit werden wir wunderbar unter Segeln aus dem Fjord herausgetragen. Vor dem Hafen Lynæs ankert das dänische Segelschulschiff „Georg Stage“. Die Kadetten stehen in den Rahen und haben die Rahsegel ausgerollt – ein tolles Bild! Außerdem begleitet uns noch ein weiteres Traditionsschiff unter vollen Segeln (und mitlaufendem Diesel). Nachdem wir Hundested passiert haben, luven wir an und segeln nun entlang der Küste auf einem Hochamwindkurs. Jento läuft permanent über 6 Knoten – Rauschefahrt. Der Wind weht mit 10-15 Knoten ablandig, das Wasser ist nahezu glatt. Solche Bedingungen sind natürlich ein Traum. Unterwegs frischt der Wind auf und wir reffen die Genua.






Gilleleje erreichen wir nach 4,5 Stunden und wir finden einen Liegeplatz im Zugang zum inneren Hafen. Strom gibt es hier keinen, gegenüber ist die Tankstelle und ein Stück weiter liegen diverse Fischtrawler. Aber ein anderer Platz ist nicht mehr zu finden. Zum Anlegegetränk werden wir von der Crew der Glüxkind eingeladen. Peter und Krimhild haben wir vor zwei Jahren zum ersten Mal an der Högaküste nördlich von Stockholm kennengelernt und freuen uns riesig, dass sich unsere Kurse heute mal wieder kreuzen. Wir verbringen einen wunderschönen Abend mit intensiven Gesprächen. Obwohl wir noch nicht viele Tage miteinander verbracht haben, fühlen wir uns den beiden sehr verbunden.


Mittwoch, 05.08.2026 – Gilleleje – Hafentag
Beim Morgengetränk beobachten wir die ersten Boote, die den inneren Hafen verlassen und beschließen den Liegeplatz zu wechseln. Der Wind soll auf West drehen und auffrischen. Im inneren Hafen haben wir da mehr Schutz und können außerdem auch Strom bekommen. Wir haben heute morgen eine Nachricht von Thomas und Pia, Freunden aus dem Götakanal, bekommen, die hier im Ort leben und uns „gestalkt“ haben. Wir verabreden uns für den späten Nachmittag zu einem Getränk – damit steht fest, dass wir heute hierbleiben. Nach dem Abschied der Glüxkind-Crew, machen wir eine Runde durch den hübschen Ort und kaufen frischen Fisch für das Abendessen, bevor wir zum Frühstück ins Cockpit zurückkehren. Die Temperaturen sind gestiegen, aber noch ist der Himmel bedeckt – schwülwarm und „lummerig“.


Danach gehen wir getrennter Wege: Skipperin Barbara muss sich bewegen und wandert Richtung Osten entlang der Küste über Stock und Stein bis zu einem Skulpturengarten und dann oben auf der Steilküste wieder zurück.


















Skipper Werner steht der Sinn eher nach einem entspannten Tag am Strand.



Am Nachmittag geht es dann ins Café Sasseline zum Treffen mit Pia und Thomas. Seit unserem Abschiedsgetränk auf einer Schäre im Vänern im letzten Sommer ist viel passiert und wir haben uns gegenseitig viel zu erzählen. Einem Kommentar von ihnen verdankt ihr es, dass wir ab sofort unsere Namen ergänzen, wenn von Skipper oder Skipperin die Rede ist, denn wenn man unseren Blog ins Englische übersetzt, gibt das Übersetzungsprogramm bei beidem „skipper“ aus…

Smutje Werner zieht sich danach in die Kombüse zurück und zaubert eine leckere Bowl mit gebratenem Fischfilet auf Spitzkohl-Paprikagemüse.
Donnerstag, 06.08.2026 – Gilleleje – Hafentag
Für heute sind kräftige Winde aus West bis Nordwest vorhergesagt. Unser nächstes Ziel soll der Kullen in Schweden sein. Dabei handelt es sich um eine felsige Halbinsel im Nordwesten der südschwedischen Provinz Skåne, die steil in das Meer des Kattegats ragt. Der „Kullaberg“ ist bekannt für seine dramatischen Klippen, Höhlen, den historischen Leuchtturm an der Spitze und ist ein beliebtes Naturreservat für Wanderer und Kletterer. Am besten kann man ihn zu Fuß vom Hafen Mölle aus erwandern. Aber der Hafen Mölle bietet wenig Schutz bei starken Winden aus West. Unser Freunde Pia und Thomas empfahlen uns gestern daher den etwas weiter südlich liegenden Hafen Högenäs, aber auch dort bekommt man hinter der Mole gern mal eine Salzwasserdusche und die meisten Liegeplätze liegen quer zum Wind. Wir haben es ja nicht eilig und so beschließen wir, den Starkwind in Gilleleje abzuwettern. Hier liegen wir im inneren Hafen fast wie in Abrahams Schoss.


Zur Sicherheit bringen wir vormittags noch eine Leine zur Mooringboje des Nachbarn aus – damit ist Jento rundum gut vertäut. Nach dem Frühstück brechen wir zu einer Wanderung entlang der Nordküste Richtung Westen auf. Es geht gut drei Kilometer entlang des Strandes, der meistens aus Steinen und hin- und wieder aus feinem Sand besteht. Wir werden dabei ordentlich durchgepustet und von den permanenten Windgeräuschen fängt langsam der Kopf an zu dröhnen. Aber das Farbspiel des Meeres, die Kormorane auf ihren Steinen und das Wellenspiel sind zu faszinierend, um den Strand vorzeitig zu verlassen. Aber auf den sandigen Abschnitten werden wir quasi „gesandstrahlt“. Bäuchlings auf dem Boden liegend, versuchen wir das mit dem Handy einzufangen, was nur mäßig gelingt. Aber dafür haben wir nun Sand in jeder Ritze und tief in den Ohren…










Für den Rückweg nehmen wir den „Søren Kierkegaard Weg“ oben auf der Steilküste. Er führt durch Eichenwälder, die sich vor dem Wind versuchen weg zu ducken. Hier ist es ruhig und nahezu windstill – herrlich! Am Gedenkstein treffen wir auf ein altes Ehepaar, die uns in ihrem lückenhaften Englisch, aber mit viel Begeisterung die Philosophie von Søren Kierkegaard zu erklären versuchen. Das gelingt nur mäßig, aber wozu gibt es denn das „World wide Web“. Dort lesen wir folgendes:
Søren Kierkegaard gilt als Begründer des Existenzialismus. Im Sommer 1835 verbrachte er einige Zeit in Gilleleje, wo er auf der Steilküste von Gilbjerg Hoved die Einsamkeit zum Nachdenken und Schreiben suchte. In seinen Tagebüchern hielt er damals grundlegende Gedanken über seine Existenz fest. Aus dieser Zeit stammt sein berühmter Satz, dass man „das Leben zwar vorwärts leben, aber erst rückwärts verstehen könne“.











Den Nachmittag verbringen wir im Cockpit, beim Shoppen und Skipper Werner gönnt sich eine Thaimassage – er hatte sich den Nacken verlegen und die kleine Masseurin wirkt wahre Wunder!






Unterdessen misst die Wetterstation in Gilleleje Böen zwischen 7 und 8 Beaufort.
Freitag, 07.08.2026 – Gilleleje – Hafentag
Auch für heute ist weiterhin starker Westwind vorhergesagt, möglicherweise auch noch durchziehende Regenschauer. Die Sonne soll sich fast gar nicht zeigen. Wir beschließen daher, eine Wanderung mit Rückenwind nach Hornbæk zu unternehmen. Dabei nutzen wir zu Beginn die Fortführung des Søren Kirkegaard Weges bis zu seinem Ende kurz hinter dem alten Leuchtturm Nakkefyr. Ab hier geht es durch eine Ferienhaussiedlung und dann eigentlich entlang der Straße. Dazu haben wir keine Lust. Wir wollen statt Autolärm lieber Meeresrauschen und biegen zum Strand ab. Dort ist das Gehen zwar etwas beschwerlicher, da es oft über kleine und größere Steine geht, aber dafür haben wir die Küste nahezu für uns allein. Bei Dronningmølle müssen wir die Schuhe ausziehen, um durch einen Bach zu waten, der hier ins Kattegat mündet.






Wenig später wenden wir uns Richtung Inland, um dem Skulpturenpark Rudolf Tegners und die ihn umgebende Heidelandschaft einen Besuch abzustatten. Das eigentliche Museum besteht aus einem recht klotzigen achteckigen Betonbau – wenig ansprechend und wir sparen uns den Eintritt und schlendern nur durch den Park. Hier stehen einige von Tegners im expressiven und monumentalen Stil geschaffenen Bronzefiguren, wegen denen er in der dänischen Kunstwelt zu Lebzeiten sehr umstritten war. Dank des stattlichen Erbes seiner Frau, konnte das Museum, dass er schon zu Lebzeiten als ein Mausoleum für seine Kunst schuf, erbaut werden. Auch die umgebende Heidelandschaft gehört dazu. Ein Hauptkritikpunkt der dänischen Kulturszene war, dass Tegner gegen das dänische Ideal der Bescheidenheit verstieß. Seine hypermuskulären, monumentalen und oft theatralischen Figuren galten den Kritikern als pompös, geschmacklos, größenwahnsinnig und „un-dänisch“. Wir können das gut nachvollziehen, auch uns sprechen die Skulpturen nicht wirklich an.











Umso mehr gefällt uns die parallel stattfindende Fotoausstellung mit lebensgroßen Porträts der Fotografin Frida Gregersen, die 12 Porträts für 12 Monate im Park ausstellt und zwar immer genau an dem Ort, an dem die Fotos entstanden sind.



Wir wandern weiter, wieder zurück zur Küste und bis nach Hornbæk, dem exklusivsten Seeheilbad der „Dänischen Reviera“. Schon vor einigen Jahren, als wir hier Werners Geburtstag feiern wollten, hat uns das „mondäne Sommerparadies der wohlhabenden Kopenhagener“ etwas abgestoßen. Gerade wird nun ein Fünf-Sterne-Hotel fertiggestellt. Auch heute reizt uns nichts, hier eine Fika einzunehmen. Wir steuern direkt den Bahnhof an und fahren mit dem nächsten Zug zurück nach Gilleleje. Dort gönnen wir uns eine kleine lädierte Erdbeertorte zum halben Preis, die wir im Cockpit genießen.