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#81 Wenn die Ostsee alle ihre Gesichter zeigt

Die letzte Woche unseres Ostseetörns hält noch einmal alles bereit, was das Seglerleben ausmacht: Sturmtage im Hafen, Regen und Wind, eine magische Nacht an einer einsamen Mooringboje, entspanntes Sommersegeln unter blauem Himmel und schließlich die Entscheidung zur vorzeitigen Rückkehr in den Heimathafen. Als sich eine kräftige Regen- und Gewitterfront ankündigt, beschließen wir, die Saison lieber mit schönen Erinnerungen als mit einem nassen Finale zu beenden. So wird diese letzte Woche zu einem kleinen Spiegelbild des ganzen Sommers – abwechslungsreich, überraschend und voller besonderer Momente.

Samstag, 22.08.2026 – Karrebæksmindre Ydrehavnen – Hafentag

Heute weht es stürmisch aus West bis Nordwest. Vor dem Hafen steht eine ordentliche Welle und alle Boote bleiben im Hafen – wir auch! Die Sonne scheint dabei von einem strahlend blauen Himmel. Neben dem Hafen treffen sowohl Wellensurfer als auch Kiter ein und der Strand beginnt sich zu füllen. Wir machen uns zu einer Wanderung entlang der Küste Richtung Westen auf. Dabei weht uns der Wind ordentlich ins Gesicht und wir sind froh über lange Hose und Jacke. Als wir allerdings ins Landesinnere abbiegen und im Windschatten laufen, schälen wir uns Schicht für Schicht aus unseren Klamotten. Kurz statten wir der Kirche und der Mühle einen Besuch ab – leider sind beide geschlossen. Auf dem Rückweg noch kurz zu Netto und einen Schlenker zu den Fischräuchereien. Hier liegt gerade ein Kutter an der Pier und verkauft anlässlich des heute hier stattfindenden Hummerfestes Jomfruhummer. Wir kaufen ein Kilo und kehren zurück an Bord – es ist Zeit für das Frühstück in der Kuchenbude mit anschließender Wohneinheit bzw. Berichtvorbereitung.

Nachmittags bricht Skipperin Barbara zu einer weiteren Runde entlang der Küste der Insel Enø auf. Nach dem feinen Sandstrand am Hafen folgt Steilküste und später endlose Ferienhaussiedlungen. Gefühlt sind 90% der Insel mit Ferienhäusern bebaut. Die Siedlung in Strandnähe ist dabei recht eng bebaut, auf der Fjordseite befinden sich dagegen sehr große offene Grundstücke mit schönen Blicken auf das Nor und hier scheint sich auch die Tierwelt wohlzufühlen. Während auf der Terrasse des einen Grundstücks ein Reh steht, ist auf dem Nachbargrundstück ein Hund unterwegs und nur wenig weiter sitzen die Hasen geduckt am Wegesrand.

Zum Abendessen genießen wir Hummerschwänze (an das Fleisch in den Schären kommen wir schwer ran) mit Pitafladen und Knoblauchsoße – lecker!

Sonntag, 23.08.2026 – Karrebæksmindre Ydrehavnen – Hafentag

Wind – Wind – Wind und Regen – Regen – Regen. Wir igeln uns in Kajüte und Kuchenbude ein und schaffen es nur für den Kauf einer erstaunlich günstigen Gasflasche (190 DKR) und eine Fika am Nachmittag aus dem Boot.

Montag, 24.08.2026 – Karrebæksmindre Ydrehavnen – DT-Boje 600 – 34 Seemeilen

Der Sturm ist vorbei, der Himmel wieder blau. Nach drei Nächten in Karrebæksminde ist es Zeit weiterzuziehen. Noch weht der Wind aus West, soll aber im Laufe der Woche auf Ost umschwenken. Daher entscheiden wir uns dazu, heute Richtung Süden zu laufen bis zum Eingang des Nakskov-Fjordes. Dort soll es an zwei Stellen Mooringbojen der Dansk Tursejleren geben. In der Woche und noch dazu in der Nachsaison hoffen wir, dass wir uns eine schnappen können. Wir segeln auf Amwindkurs bei 8 Knoten Wind Richtung Südwest. Jento läuft prima beständig über 5 Knoten. Gegen Mittag schwächelt der Wind kurzzeitig, so dass die Maschine helfen muss, bevor er dann auf Südwest dreht. Zum Glück haben wir da schon den Kurs auf Süd ändern können und segeln entlang der Westküste Lollands vorbei an unzähligen Windrädern. Eigentlich hatten wir eine der Bojen auf der Rückseite der länglichen Insel Enehøje anlaufen wollen, die quer vor dem Fjord liegt. Aber bei der Anfahrt sehen wir eine freie Boje vor der südlich gelegenen Halbinsel mit Lotsenhaus, die uns sehr an Schleimünde erinnert. Kurzentschlossen steuern wir sie an. Da wir bei dem aktuellen Südwestwind Schatten im Cockpit haben (das geht ja gar nicht), legen wir die Mooringleine kurzerhand auf die Heckklampe, später auf die Mittelklampe. So können wir die Sonne bis zu ihrem Untergang im Cockpit genießen.

Das Wasser ist wie gebügelt, nur ein klitzekleines Lüftchen weht. Wir legen die Mooringleine für die Nacht auf die Bugklampe und Skipperin Barbara beschließt, diese Nacht im Cockpit zu schlafen. Dank eines Biwakschlafsacks aus Goretex sollte das trotz hoher Luftfeuchtigkeit klappen. Skipper Werner hätte sich diesem Freiluftabenteuer nur zu gerne angeschlossen, allerdings existiert an Bord genau ein solcher Überzug – und den hatte die Skipperin blitzschnell für sich reklamiert. Manchmal sind die Besitzverhältnisse an Bord eben eindeutig geregelt.

Mit dem Blick auf den großen Wagen im Westen und dem aufgehenden ¾ Mond im Osten schläft sie ein. Nachts um drei wird sie wach. Der Mond ist bereits wieder untergegangen und nun leuchten unzählige Sterne am Nachthimmel über ihr. Das Cockpit und auch der Überschlafsack sind patschnass, aber im Schlafsack ist es trocken und warm. Im Großen Belt zieht die Berufsschifffahrt vorbei. Uns erreicht davon nur ein unterschwelliges Brummen in der Luft. Kurz wird die Kamera gezückt für eine Aufnahme der Milchstraße über ihr. Der große Wagen ist bereits nach Norden gewandert. Und am Horizont ist ein schwaches grünes Leuchten zu erkennen. Sind das etwa Polarlichter?

Dienstag, 25.08.2026 – DT-Boje 600 – Marstal – 24 Seemeilen

Wir werden davon wach, das Jento in einer, sie quer erreichenden Welle, anfängt zu schaukeln. Die weit entfernten Fähren zwischen Langeland und Lolland haben ihren Verkehr wieder aufgenommen und ihre Wellen erreichen uns. Ansonsten ist der Morgen magisch: windstill und mit einem leichten Dunstschleier präsentiert sich die Welt um uns herum. Das Tauwasser perlt überall ab und auf dem Biwakschlafsack fließt es in kleinen Bächen in einer Mulde zu einem kleinen „Teich“ zusammen. Ein Fischer scheucht eine Gänsesippe auf, die flach über dem Wasser im Bogen um Jento herumfliegen. Eine kaum merkliche Brise kommt aus östlicher Richtung. Wir drehen Jento erneut an der Mooringboje, damit die Morgensonne ins Cockpit scheint und beim Trocknen unterstützt. Während wir unser Morgengetränk genießen, beobachten wir auf dem Wasser eine näherkommende Brise. Als sie uns erreicht, setzen wir an der Boje die Segel, werfen die Leine los und segeln ganz gemächlich in den Morgen.

Leider steht im Großen Belt der Strom gegen uns und bei sehr schwachem, fast achterlichem Wind bleiben wir stehen. Also muss die Maschine unterstützen. Nach Umrundung der Südspitze Langelands können wir aber wieder Segeln, testen auch den Blister erneut. Kurz vor der Zufahrtstonne passieren wir die „Zephyr“, einen holländischen Traditionssegler, mit dem wir vor vielen Jahren zu den englischen Kanalinseln gesegelt sind und die wir daher in sehr guter Erinnerung haben. Es werden natürlich ein paar Fotos für unsere „Zephyr-Freunde“ geschossen!

In der Zufahrtsrinne nach Marstal irritiert uns eine grüne Tonne, die sich ganz nah an den Tonnenstrich der roten Tonnen herangeschoben hat. Ist das Absicht, oder hat sie sich irgendwo losgerissen? Wir beachten sie zur Sicherheit – man weiß ja nie… Dann legen wir in einem recht leeren Hafen Marstal an (Nachsaison!) und beschließen zum Strand und zu den dortigen malerischen Badehäusern zu laufen, um noch einmal zu Baden. Auf dem Weg sehen wir die Isa Lei, eine uns seit Jahren gut bekannte Vindö 50 am Steg liegen. Wir schauen für einen kurzen Schnack vorbei uns verabreden uns zum gemeinsamen Abendessen bei „Fru Berg“. Das Wasser ist im ersten Moment zwar recht frisch, aber wenn man erstmal drin ist… ihr kennt das! Nach einem Rundgang durch Marstal (Leergut wegbringen), gönnen wir uns eine Wohneinheit im Cockpit, bevor wir zusammen mit Jan und Janette von der Isa Lei zum gemeinsamen Abendessen aufbrechen. Das Restaurant liegt dicht an der Hafeneinfahrt und dort haben bereits einige Traditionssegler festgemacht. Von zweien berühren sich fast die Klüverbäume. Das war eine „enge Kiste“ beim Anlegemanöver.

Bei „Fru Berg“ lassen wir uns die Rødsbættefisk schmecken und ziehen dann für einen Absacker um in das Cockpit der Isa Lei. Ein schöner Tag und Abend gehen zu Ende – in Marstal trifft man doch immer Segelfreunde!

Mittwoch, 26.08.2026 – Marstal – Høruphav – 29 Seemeilen

Der Ostwind hat schon gestern Abend angefangen zu wehen, aber statt des noch vor zwei Tagen angekündigten Starkwindes von 25-32 Knoten, weht er tatsächlich nur mit 10 Knoten. Die Vorhersage wurde korrigiert und wir wollen ihn nutzen, um unseren Kurs nach Westen Richtung Heimat fortzusetzen. Nach Verlassen der Rinne, rollen wir die Genua aus, aber die Welle lässt sie beständig schlagen. Wir luven an. Mit diesem Kurs würden wir allerdings eher Eckernförde als den Eingang zur Flensburger Förde erreichen. Auf Höhe der Südspitze von Ærø müssen wir weiter abfallen auf einen Vorwindkurs. Wir setzen das Groß und segeln im Schmetterling. Dank Bullenstander und ausgebaumter Genua geht das nun recht gut, auch wenn Jento auf den Wellen rollt. Die Sonne scheint von einem blauen Himmel. Nur ein paar hohe Schleierwolken spenden hin und wieder etwas Schatten. Im sonnigen Cockpit ist es hochsommerlich.

Ca. 5 Seemeilen vor Høruohav meldet sich unser Plotter mit einem MOB-Alarm (Mensch über Bord). Der Alarm wurde im Hafen von Høruphav ausgelöst. Dort wird sich jemand finden, der beim Verlassen des Wassers behilflich sein kann. Wir drücken den Alarm weg. Aber er meldet sich alle 5 Minuten erneut. Es hat den Anschein, dass er entweder versehentlich ausgelöst wurde, oder nicht wieder zurückgesetzt wurde, nachdem die Person gerettet wurde. Das „Spielchen“ begleitet uns bis in den Hafen. Dort wird der Alarmort 33 Meter vor unserem Liegeplatzt verortet. Den Eigner des dort liegenden Bootes befragen wir und es stellt sich heraus, dass vor ihm auf diesem Platz ein Charterboot gelegen hat, von dem jemand mit Rettungsweste mit eigenem Transponder ins Wasser gefallen ist. Niemand wusste, den Alarm zurückzuetzen, nach dem die Person wieder an Bord war. Die Crew ist ausgelaufen…

Donnerstag, 27.08.2026 – Høruphav – Langballigau – 10 Seemeilen

Nachts hat der Wind etwas nachgelassen. Auch nach dem Morgenkaffee zeigt die Windanzeige nur 14 Knoten Ostwind an. Da für morgen ergiebige Regenfälle und auch Gewitter vorhergesagt sind, haben wir unsere Rückkehr in den Heimathafen bereits gestern dem Hafenmeister Christian für heute gegen Mittag angekündigt. Wir haben Glück und können den Liegeplatz eines verkauften Bootes bis zum Saisonende zu einem fairen Preis nutzen.

Gegen 9:00 Uhr laufen wir aus und rollen nur die Genua im ersten Reff aus. Wir werden vorwiegend auf Raumschotkurs unterwegs sein und da läuft Jento normalerweise gut mit dieser Besegelung. In der Bucht vor Høruphav steht eine gemäßigte Welle, aber als wir die offenere Sonderburger Bucht erreichen, wird die Welle deutlich größer. Auch nimmt der Wind auf beständig über 20 Knoten mit Spitzen von 28 Knoten zu. Am Flach „Helst Banke“, wo die Wassertiefe recht schnell von über 20 Meter auf nur noch 5 Meter abnimmt, werden die Wellen deutlich steiler. Jento bringt es surfend auf 8,3 Knoten. Kurz vor unserem Ziel ergibt sich die einzige „enge“ Situation des gesamten Sommertörns, als ein hinter uns vor dem Wind kreuzendes Charterboot eine Halse fährt und uns von Backbord kommend vor Westerholz überholt. Das Ziel des Charterbootes ist Holnisspitze, unseres LA. Unsere Kurse kreuzen sich. Statt gemäß der Ausweichregeln als Überholer uns die Vorfahrt zu gewähren indem es kurz anluvt und hinter uns durchgeht, bleibt es auf Kurs und drängt uns ab, bis wir eine ungewollte Halse fahren müssen. Dabei vermeiden alle sich im Cockpit befindlichen Männer den Blickkontakt und sind offensichtlich mit der Situation überfordert.

In LA finden wir „unseren“ Liegeplatz und passen zum Glück auch rein. Zum Riggermast, den wir zum Herausheben des Motors benötigen ist es nicht weit. Bis dahin können wir Jento mit Muskelkraft ziehen. Unser erster Gang geht zum Hafenbüro, um unsere Liegegebühr zu entrichten und für einen kurzen Vindöschnack an Bord der „Heikl“ von Heike und Klaus zu klettern, die uns seit Jahren von den Vindötreffen in Ærøskøbing vertraut sind. Dann ruft das Frühstück ins sonnige Cockpit, bevor Tochter Anna mit unserem Auto angefahren kommt. Skipperin Barbara bringt sie zurück und holt dabei gleich diverse Kisten und Taschen, damit wir das Boot leerräumen können. Nachmittags treffen wir zuhause ein – uns begrüßt im Garten ein kleiner Urwald. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell alles zuwächst! Aber die blühenden Flecken lenken den Blick (vorerst) von der Arbeit ab.

Freitag, 28.08.2026 – Langballigau – 1. Hafentag von vielen

WetterOnline hatte (mal wieder) Unrecht – das riesige Regengebiet erreicht uns nicht. Aber es ist bedeckt und ein paar kleiner Schauer ziehen durch, was auch einen Blick auf die morgendliche Mondfinsternis verhindert. Skipper Werner beschließt, sich direkt um die Motordemontage zu kümmern. Nach drei Stunden Arbeit kommt er zufrieden zurück. Alle Verbindungen zwischen Boot und Motor konnte er alleine lösen. Nun muss der Motor „nur noch“ herausgehoben werden, damit wir ihn in der kommenden Woche zur Überholung bringen können. Dazu brauchen wir allerdings ein paar helfende Hände zur Unterstützung. Mit etwas Glück klappt das bereits am kommenden Wochenende.

Für nächste Woche ist zudem die Installation der Wärmepumpe bei uns zuhause angekündigt. Dafür streicht Skipperin Barbara am Vormittag die Installationswand, bevor hier Steuerung und Wasserspeicher aufgebaut werden. Nachmittags nutzt sie das unerwartet trockene Wetter zum Rasen mähen und killt dabei mit einem versteckten Stein (fast) den Rasenmäher. Skipper-McGyver Werner rettet es natürlich!

Abends sind wir bei Ersatzmama Ragnhild zum Abendessen eingeladen und werden perfekt bewirtet – so ist es doch richtig schön nach Hause zu kommen!

So, damit geht unsere Sonntagszeitung bereits Ende August in die „Winterpause“. Wir verbringen die nächsten Monate überwiegend zuhause und unterstützen Tochter und Schwiegersohn bei der Sanierung ihres Hauses, richten uns anschließend im derzeit von ihnen bewohnten Dachgeschoss häuslich ein, nehmen viele schöne Kulturtermine wahr, treffen uns mit Freunden, genießen mal wieder das Dorfleben und machen den ein oder anderen Reiseabstecher nach Spanien. Die geplante Rückkehr zur Venga steht im März nächsten Jahres an und dann wird auch die Sonntagszeitung wieder regelmäßig erscheinen. Bis dahin wünschen wir allen treuen Leserinnen und Lesern einen schönen Spätsommer, Herbst und Winter. Bleibt gesund und genießt die schönen Momente eines jeden Tages!

Nachtrag:

Samstag, 28.08.2026 – Der Motor ist draußen!

Der Motor steht auf dem Anhänger – puh, was für eine Aktion! Die rund 300 Kilogramm durch den Niedergang zu bugsieren, sorgte im Vorfeld durchaus für etwas Anspannung. Dank der tatkräftigen Unterstützung von Markus können wir Jento jedoch per Hand zum Riggermast verholen, der heute als Kran dient. Anschließend wird der Motor sicher aus dem Boot gehoben. Und das Beste: Für die gesamte Aktion brauchen wir nicht einmal zwei Stunden.

Vielen Dank, Markus – ohne deine Hilfe wäre das deutlich schweißtreibender geworden!

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