IMG_6477 (1)

#73 Wir tauschen Vathys Trubel gegen stille Buchten

Die Skipperin hat auf Ithaka noch zwei Wanderungen auf ihrer ToDo-Liste, weshalb es uns erneut nach Vathy, den Hauptort der Insel, zieht. Die Bucht ist gut geschützt, der Ankergrund zuverlässig – hier lassen wir das Boot ohne Sorge allein zurück.

Allerdings haben wir nicht mit dem inzwischen deutlich gestiegenen Besucherandrang gerechnet. Vor vier Wochen lagen wir hier noch mit gerade einmal drei Booten vor Anker, jetzt sind es nahezu dreißig. Und nicht nur die Crews der Charterboote sorgen für abendlichen Partylärm – auch die Inseljugend feiert kräftig mit.

Nach drei Nächten sehnen wir uns deshalb wieder nach ruhigen Ankerbuchten, die wir – hoffentlich – auf Kastos, Kalamos und Meganisi finden werden.

Samstag, 02.05.2026 Sami/Kefalonia – Vathy/Ithaka – 17 Seemeilen

Die Nacht war anfangs unruhig, aber nach Mitternacht beruhigte sich der Schwell im Hafen. So kommen wir einigermaßen ausgeschlafen aus der Koje. Die Temperaturen sind deutlich gefallen – heute Nacht war es einstellig. Der Himmel ist teils bewölkt. Wir füllen noch einmal die Wassertanks von Venga! und Isabelle, bekommen noch einen Schnack mit unseren finnischen Nachbarn und legen dann ab. Draußen weht ein Ostnordost Wind mit angenehmen 8 Knoten. In der Bucht vor Sami ist die Welle erträglich. Wir setzen beide Segel und Venga! springt sofort an.

Sobald wir aus der Bucht herauskommen, wird die Welle deutlich größer. Sie hatte viel Platz, sich aufzubauen. Freundlicherweise dreht der Wind zwischen den Inseln Kefalonia und Ithaka südlicher, so dass wir hoffen, ohne Kreuzschlag an der Südspitze von Ithaka vorbei segeln zu können. Diese Hoffnung stirbt schnell, denn je näher wir Ithaka kommen, umso mehr wechselt der Wind in Richtung und Stärke. Wir machen mehrere Kreuzschläge, ohne wirklich von der Stelle zu kommen. Hier am Südkap steht zudem eine unangenehm steile Welle, weil die Südströmung zwischen den Inseln auf die nach Norden laufende Windwelle trifft. Als der Wind dann völlig stirbt, schalten wir die Maschine dazu und motorsegeln um etwas von der Felsküste frei zu kommen. Nur Minuten später springt der Wind wieder an und dreht um 90 Grad. Unsere Genua steht back. Beim Überholen der Schot nach Backbord verfängt sich die Spannleine vom Achterliek am Hauptwant in zwei Metern Höhe. Zum Glück kommt der Skipper dran und kann sie lösen. Wenig später ist die Südspitze passiert und der Wind weht wieder stetig aus Nordost bis Ost. So können wir entspannt an der Ostküste von Ithaka nach Norden segeln. Die Welle aus Südost schiebt uns nun freundlich an.

Erst kurz vor Einlaufen in die Bucht von Vathi kommen wir in die Landabdeckung und müssen die Segel einrollen. Unter Maschine geht es in die große Bucht, in der bereits zahlreiche Boote vor Anker liegen. „Unser“ Platz ist bereits besetzt. So versuchen wir es etwas näher unter Land, auch wenn man dann den Straßenlärm deutlicher hört. Im zweiten Versuch sitzt der Anker. Beim Blick auf die Karte der Ankeralarm- App sieht es allerdings so aus, als würden wir direkt auf den Routen von Inselfähren ankern. Bisher haben wir hier noch nie welche gesehen und hoffen mal, dass das auch im Mai noch so bleibt. Nach dem Ankermanöver fällt dem Skipper auf, dass sich einer unserer Relingausstiege gelöst hat. Offensichtlich ist hier ein Splint verloren gegangen. Zum Glück liegt der Bolzen noch an Bord. Ersatzsplinte sind ausreichend vorhanden und so nehmen wir das zum Anlass, gleich mal alle Relingsplinte zu kontrollieren und zwei weitere zu ersetzen.

Nach dem nun wohlverdienten Ankerbier kümmern wir uns um Bericht und Fotos für die morgige Sonntagszeitung.

Sonntag, 03.05.2026 – Vathy –Hafentag

Mit der Crew der Isabelle haben wir uns zu einer Wanderung auf der südlichen Inselhälfte verabredet. Von Vathy aus ist das etwas weit, weshalb wir uns gemeinsam ein Taxi bis in das 3,5 Kilometer entfernte, auf ca. 300 Höhenmetern liegende Perachori nehmen. Der Taxifahrer weiß sofort, was wir wollen und bringt uns bis zur Kirche von Perachori zu einem Wegweiser zum Rundwanderweg. Dort steigen wir in die Wanderung Nr. 11 der Ithaka-Wanderwege ein, die den klingenden Namen „Geleitet von den Versen Homers“ trägt.

Zu Beginn geht es noch etwas durch das Dorf und in wenigen Serpentinen auf der Teerstraße aufwärts, bis links ein Fußweg abzweigt und nun entlang alter terrassierter Olivenhaine mit gemächlicher Steigung entlang des Berghanges langsam aufwärts führt. Unterwegs treffen wir auf bekannte und unbekannte Pflanzen (Zistrosenwürger) und Insekten und genießen immer wieder die schönen, anfangs noch etwas verhangenen, Ausblicke, bis wir auf einem Sattel ankommen, an dem sich der Weg verzweigt.

Wir wollen einen Abstecher zur Felsenkapelle Panagia Spilaiotissa an der Südseite der Insel machen. Der ca. 800m lange Weg dorthin entpuppt sich als sehr felsig und schwer zu gehen. Außerdem sind wir wohl wieder die ersten hier, denn es ist erneut ein „Spidertrail“. Vor der Kapelle ist ein kleiner Platz, der zum Picknick einlädt. In der Kapelle finden wir sogar Hocker, um es uns bequem machen zu können.

Im Anschluss geht es über den gleichen steinigen Weg wieder zurück. Die Menschen, die alles Notwendige für die Kapelle hierhergetragen haben müssen, steigen in unserer Achtung! Später lesen wir, dass es am 02. Juli hier jedes Jahr ein Fest gibt, zu dem traditionell die Ikone der Jungfrau Maria von der Kirche in Perachori in einer Prozession hierhergetragen wird. Wir konnten diesen Weg nur im Gänsemarsch gehen, wie machen die das bloß mit der Ikone?  

Nun folgen wir dem markierten Weg Richtung Osten, kommen an einem Schäferverschlag mit einem sehr unfreundlichen (aber eingesperrten) Hund vorbei und machen uns auf die Suche nach der Evmaios Höhle. Der erste Pfad scheint uns nicht richtig und wir kehren um – bereits bereit, die Höhle von unserer Liste zu streichen. Da kommen wir an einem auffälligen Wegweiser zur Höhle vorbei und beschließen, einen zweiten Versuch zu wagen. Wieder enden wir an einem Steilhang, an dem der Pfad in die Tiefe geht. Bei so einem großen Hinweisschild, muss es sich ja wohl um eine besondere Höhle handeln, die den Abstieg wert ist. Also versuchen wir unser Glück. Es ist sehr steil und eher ein Klettersteig, als ein Wanderweg. Markierungen sind nur sporadisch zu finden – alles ist überwachsen. 70 Höhenmeter geht es in die Tiefe, dann sehen wir erneut ein Hinweisschild, etwas den Abhang hinuntergefallen und total überwuchert – wie alles um uns herum. Und wo bitte ist nun die Höhle? Nach einigem Suchen finden wir sie und sind enttäuscht. Es ist nicht viel mehr als ein Überhang. Der Überlieferung zufolge war Eumaios einer der Freunde Odysseus und der Erste, den er nach seiner Irrfahrt bei seiner Ankunft auf Ithaka aufsuchte und der ihn bis zu seiner Offenbarung beherbergte. Er war Schweinehirt und irgendwo in dieser Gegend soll sich sein Schweinestall befunden haben – in dieser Höhle gewiss nicht – da kommt kein Schwein heil runter…

Johan war der Klügste von uns und ist oben sitzen geblieben. Wir restlichen Drei kommen abgekämpft und etwas zerkratzt wieder oben an. Beim Aufstieg haben wir irgendwo den falschen Abzweig genommen und mussten richtig klettern und uns gegenseitig sichern. Hauptsache, es hat sich niemand verletzt! Aber ob wir den Besuch der nächsten Höhle nach dieser Erfahrung überhaupt noch in Angriff nehmen? Der Weg führt uns nun über eine Teerstraße mit fantastischen Ausblicken in angenehmem Gefälle abwärts. Den Abzweig zur Pera Pigadi Bucht lassen wir aus. Das wären nochmals 250 Höhenmeter runter und wieder rauf – von oben sieht das viel schöner aus. Auf einer Aussichtsbank lassen wir uns kurz nieder und genießen die Aussicht und diskutieren, wo wir schon überall waren, und wohin es in den nächsten Tagen gehen könnte.

Als der Abzweig zur Rizes-Höhle am Wegesrand auftaucht, beschließen die Männer sofort, auf den Aufstieg zu verzichten. Die Damen können ihre Neugier nicht bezwingen und es sind ja nur 80 Höhenmeter! Der Pfad scheint deutlich stärker frequentiert, ist gut zu gehen und bringt uns im Zickzack in gut 15 Minuten bis zum relativ kleinen Höhleneingang, durch den sogar eine Treppe in die Höhle führt. Große Teile der Decke sind eingestürzt, weshalb die Höhle nun Tageslicht bekommt. Das Hinweisschild erklärt uns folgendes: „Im Inneren können wir die beeindruckenden Wurzeln eines alten Feigenbaums bewundern, die der Höhle von Rizes wahrscheinlich ihren Namen gegeben haben. Die Höhle ist für die Verhältnisse auf Ithaka relativ geräumig und wurde aus diesem Grund in der Vergangenheit als Unterstand für Vieh genutzt. Einige Wissenschaftler vermuten zudem, dass die Höhle von Rizes mit der homerischen Höhle des Eumaios, des Schweinehirten des Odysseus, in Verbindung stehen könnte, in der dieser sein Vieh hielt… In der Höhle lassen sich an den Wänden einige Karstbildungsformen erkennen. Außerdem sind einige Tropfsteine zu beobachten, wie Stalaktiten, „Quallen“-Vorhänge und eine Säule in der Nähe des Höhleneingangs.“ Wir fragen uns sofort, warum man uns zur ersten Höhle gelockt hat…

Nun geht es nur noch abwärts Richtung Boot. Unsere Füße laufen fast automatisch – wir fühlen uns im „Autopilot-Modus“. Nach gut 15 Kilometern und 350 Höhenmetern erreichen wir Vathy und genießen am Hafen in einer kleinen familiengeführten Taverne ein verdientes Kaltgetränk, bevor es zum Einkaufen und dann zurück an Bord geht.

Hier geht’s zur Wanderung: https://www.komoot.com/de-de/tour/2930956017

Montag, 04.05.2026 – Vathy – Hafentag

Als wir vor gut zwei Wochen von Koni aus eine Wanderung zum Bergdorf Anogi machten, erfuhren wir erst beim abendlichen Googeln, was es mit diesem kleinen Ort auf sich hat. Das heute verschlafene und nur von 45 Personen dauerhaft bewohnte Bergdorf hat nämlich eine lange Geschichte. Es war im 16. und 17. Jahrhundert die Hauptstadt der Insel. Aufgrund seiner geschützten Höhenlage bot es Schutz vor Piraten. Das Gebiet ist seit über 6000 Jahren besiedelt, wie archäologische Funde bewiesen. Die Kirche Panagia (Mariä Himmelfahrt) war einst die Kathedrale. Sie wurde 1565 erstmals erwähnt und ist ausgestattet mit einer hölzernen Zwölfbogentür aus dem Jahr 1821 und einem venezianischen Glockenturm. Oberhalb des heutigen Ortes liegen Ruinen des alten Dorfes, deren Häuser teilweise aus der venezianischen Zeit stammten, aber beim Erdbeben 1953 zerstört wurden. Zudem gibt es dort oben an den östlichen Hängen des höchsten Berges „Niritos“ der Insel einen weiteren Wanderweg. Allerdings ist das von Vathy zu Fuß nicht zu schaffen und wir mieten uns daher für einen Tag einen Leihwagen – mal wieder einen weißen Panda.

Über steile und enge Serpentinen schraubt sich dieser im 2. Gang hinauf auf 520 Meter über dem Meer. Wir parken ihn vor der Kirche und freuen uns, denn sie ist geöffnet. Das Innere überrascht uns mit seinen Holzarbeiten und Malereien – definitiv einen Besuch wert! Gleich nebenan befindet sich ein Informationszentrum, dass bei unserem letzten Besuch geschlossen war. Auch hier steht heute die Tür offen. Die Ausstellung und Exponate sind wild zusammengewürfelt. Neben hochmodernen Videoinformationen zu den Geosites der Insel gibt es auch Interessantes zu Flora und Fauna, aber auch etwas willkürlich dazwischen gestellte alte technische Geräte und Uniformen.

Nun ist es Zeit für Bewegung und wir wandern als erstes zu den Ruinen des alten Ortes. Viel ist nicht zu sehen, aber ein paar Strukturen mit Mauerresten können wir ausmachen. Eines davon scheint in der alten Bauweise erstellt worden zu sein, die aus einem Außen- und einem Innenmauerwerk aus relativ großen Natursteinen besteht. Der Hohlraum dazwischen wurde mit kleinen Steinen gefüllt. Die Aussicht von hier oben ist atemberaubend!

Dann geht es weiter zum Wanderweg, der uns zum Kloster Katharon führen soll. Über einen steinigen und oft schwer auszumachenden Pfad geht es hinauf auf eine Höhe von 690 Meter. Gleich zu Beginn versperrt uns ein Ziegentor den Weg. Unterdessen wissen wir, dass wir diese Tore immer öffnen dürfen, aber auch hinter uns wieder schließen müssen. Meist werden die Tore mit einem Band oder Draht verschlossen. Schon nach wenigen Schritten befinden wir uns in einem „Bonsai-Wald“, der zum Großteil aus Steineichen und Mastixsträuchern besteht. Für Ziegen müssen die jungen Blätter dieser Steineichen ein wahrer Leckerbissen sein, denn sie fressen so viel, wie sie erreichen können davon ab. Zurück bleiben Bonsai-Steineichen, manchmal nur Bodendecker, manchmal aber auch mannshoch. Und hin und wieder sehen sie wie Figuren aus, als habe ein Bonsaikünstler sie ganz bewusst so getrimmt. Hier ein paar Herzen, dort spielende Kinder oder im Garten arbeitende Frauen. Geht da nur unsere Fantasie mit uns durch, oder gibt es unter den Ziegen ein paar ganz Kreative?

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das Kloster und genießen erstmal unser Picknick, bevor wir uns den Klosterinnenhof und seine Kirche näher ansehen. Das Kloster ist der Jungfrau Maria geweiht und stammt dem 17. Jahrhundert (erstmals 1696 erwähnt), sein Name leitet sich vermutlich vom lokalen Dialektwort „kathara“ für trockene Zweige/Büsche ab. Einer Überlieferung zufolge sahen die damaligen Bewohner ein Leuchten an den Hängen des Berges Neritos. Um zu erkunden, woher dieses Leuchten kam, brannten sie alles Buschwerk nieder und fanden eine unbeschädigte Ikone der Jungfrau Maria in den abgebrannten Sträuchern.

Für den Rückweg wählen wir dann wieder die Straße und schalten unsere Beine in den „Autopilot-Modus“. Unterwegs kommen wir an den alten Dreschplätzen des Ortes vorbei und zeigen Candy im Anschluss noch den beeindruckenden Monolith (#71).

Hier geht’s zur Wanderung: https://www.komoot.com/de-de/tour/2932827488

Nun fahren wir weiter in den nächsten Ort Stavros, wo wir in einem uns bekannten Café die Kuchenspezialität der Insel essen: Rovani, ein klebriger, nicht zu süßer Kuchen aus Reis, Honig und Olivenöl, der hier mit Vanilleeis serviert wird. Mit dem Auto ist es von hier nur eine kurze Fahrt bis ins Hafenörtchen „Frikes“, in dem wir im November lagen. Damals war es total ausgestorben und es interessiert uns, wie es zum Saisonbeginn aussieht. Die ersten Tavernen haben geöffnet, am Hafenstrand stehen Stühle und Tische und im Hafen liegen fünf Gästeboote. Aber vieles wirkt auch jetzt noch sehr verlassen. Zurück geht es über die Küstenstraße auf der Westseite der Insel bis nach Vathi. Der Tankwart ist etwas irritiert, als wir ihn bitten, vollzutanken und die Zapfsäule nach nur vier Litern abschaltet. Viele Kilometer sind wir nicht gefahren, aber zu Fuß wäre es zu weit und mit dem Taxi viel teurer geworden. So zahlt jede Crew 25€ für den Ausflug.

Abends kommt kräftiger Nordwind auf und produziert schnell eine kleine Welle, die von der Kaimauer hinter uns reflektiert wird. Das führt zu „Hackfleischwasser“, das laut unter unser Heck klatscht. Zum Glück filtern unsere Noise-Canceling-Kopfhörer vieles davon heraus und nachts beruhigt es sich auch schnell wieder.

Dienstag, 05.05.2026 Vathy/Ithaka – Ankerbucht Kalamos 38°34‘34“N, 20°55‘54“O – 19 Seemeilen

Ab Mitternacht schlief der Wind komplett ein und morgens erwachen wir auf einem Ententeich. Kein Plätschern ist zu hören. Nachdem wir unsere „Ithaka-ToDo-Liste“ erledigt haben, zieht es uns wieder in ruhigere Buchten. Der Trubel mit den Charterflotten, den Skipper-Anlegetrainings, den morgens einrollenden Bussen mit Unmengen an Touristen mit Sonnenhüten, den abendlichen Partygeräusche und knatternden Mopeds werden uns zu viel. Unser nächstes Ziel ist eine Ankerbucht in Kastos – hoffentlich nur für unsere kleine Flotille. Morgens bringen wir noch den Müll an Land und bunkern Wasserflaschen. Wir ankern fast direkt vor dem AB-Markt in Paddelentfernung – praktischer geht es fast nicht. Und auf Kastos gibt es keine Müllannahme. Candy und Johan müssen noch einklarieren. Candy hat sich ein Visa für „Digitalnomaden“ besorgt, dass es ihr als Australierin erlaubt, innerhalb eines Jahres 180 Tage in Griechenland zu bleiben.

Gegen Mittag brechen wir auf, zeitgleich mit einer einsetzenden Süd Brise, die es uns erlaubt, unter Genua ganz gemächlich durch das Ankerfeld und aus der Bucht zu segeln – am Ende mit Motorunterstützung, bis wir aus der Landabdeckung herauskommen. Die Wettervorhersage hat tagsüber keinen Wind im Programm, erst ab 15 oder 16 Uhr soll es aus Nordwest Wind geben. Da aber 19 Meilen Strecke vor uns liegen und wir nicht zu spät am Ankerplatz ankommen wollen, wollen wir nicht bis zum Nachmittagswind warten. Aber kaum haben wir den Windschatten der Insel verlassen, setzt die Süd Brise wieder ein und wir holen auch das Groß raus. Bei 6-10 Knoten Wind nimmt Venga! Fahrt auf. Zwischen 4,5 und 5,5 Knoten läuft sie auf einem Hoch-am-Wind Kurs bis kurz vor die Insel Atokos. Dort schläft er ein, also Genua einrollen und wieder Maschinenfahrt. Schon nach 10 Minuten kommt der Wind zurück, diesmal aber aus Nord und mit teilweise kräftigen Böen bis 16 Knoten. Venga! kommt dabei unter voller Besegelung auf 6,5 bis zu 7,5 Knoten Fahrt. Dabei scheint die Sonne von einem blauen Himmel und das Mittelmeer strahlt von unten ebenfalls in tiefem Blau – Champagnersegeln! Bis wir unsere Ankerbucht erreichen, dreht der Wind auf West und nimmt zu. Beim Ankermanöver sehen wir Böen mit 20 Knoten aus West und kaum ist der Anker eingefahren, dreht der Wind südlich und nimmt weiter zu. Das ist jetzt gar nicht in unserem Sinne, den aus Richtung Süden ist die Bucht ungeschützt. Aber wir gehen davon aus, dass der Wind mit einsetzender Dunkelheit schwächeln und später ganz einschlafen wird, denn das ist hier eigentlich fast immer so.

Die Isabelle kommt eine knappe Stunde später an und ankert vor uns. Sie haben sogar 28 Knoten auf dem Windmesser gesehen.

Abends gibt es noch einen Videocall mit Vindöfreunden, bei denen wir als Crew zum Vindötreffen in Dänemark zu Pfingsten an Bord gehen wollen, denn Jento werden wir bis dahin nicht im Wasser haben. Es ist immer wieder sagenhaft, wie gut diese Art der Kommunikation selbst an abgelegenen Ankerplätzen über das Handynetz funktioniert.

Mittwoch, 06.05.2026 – Ankerbucht Kalamos 38°34‘34“N, 20°55‘54“O – „Hafentag“

Wie erwartet, ist der Wind in der Nacht eingeschlafen. Wir liegen weit ab von jedem Ort und hatten entsprechend wenig „Lichtverschmutzung“, was einen tollen Blick in den Sternenhimmel ermöglichte. Um diesen in einer Langzeitaufnahme einzufangen, war allerdings zu viel Bewegung im Boot.

Nach dem Morgenkaffee kommt die Nachfrage vom Buddyboot, welche Wanderung heute geplant sei. Hier auf Kastos gibt es eine schöne Inselrunde und wir schlagen diese vor. Die Dinghis werden am Strand geparkt und wir erklimmen die Böschung bis zur Straße und weiter bergan bis auf den Inselrücken, um dann auf der Rückseite dem dortigen Höhenwanderweg zu folgen. Als wir im Hafenörtchen ankommen, sehen wir sofort den Unterschied zu unserem letzten Besuch vor drei Wochen: mehrere Tavernen und Cafés und sogar eine Boutique haben geöffnet. Da muss die Skipperin gleich mal vorbeischauen und findet sogar etwas – vielleicht für Tochter Anna. Auf einer Bank am Hafen verzehren wir unser mitgebrachtes Picknick und spazieren dann zum Mühlen Café hinauf. Leider ist die Siebdruckmaschine kaputt, weshalb es nur griechischen Kaffee gibt. Der ist ähnlich wie ein türkischer Mokka: super stark und mit dickem Bodensatz. Da entscheiden wir uns lieber für frisch gepressten Orangensaft. Den Versuch, bis an die Südspitze der Insel zu gelangen, brechen wir nach knapp zwei Kilometern ab, weil der Weg über Privatgrund zu führen scheint. Beim erneuten Durchqueren des Ortes, nutzen wir die Gelegenheit und trinken am Hafen einen richtigen Cappuccino. Johann brauch dazu etwas Süßes. Die Karte listet drei verschiedene Kuchen auf, aber nur einer ist verfügbar: Schokoladensalami mit Ouzo – klingt für uns nicht nach Kuchen, aber die Bedienung beteuert, dass es einer ist. Wenig später serviert sie eine Art Kekskuchen, der bei uns als „Kalter Hund“ bekannt ist. Sehr lecker und deutlich weicher als das norddeutsche Pendant und mit kaum wahrnehmbarer Ouzonote.

Der Rückweg über die „Hauptstraße“ zieht sich in die Länge und ist von einem stetigen auf und ab gekennzeichnet. Die Küste an dieser Inselseite ist durch markante Felsen in mehrfarbigen Schichten gekennzeichnet, die sich immer wieder mit kleinen Kiessteinbuchten abwechseln, zu denen die Straße hinabführt, bevor sie über den nächsten Steilhang wieder in die Höhe klettert. Der Weg führt an unserer Ankerbucht noch weiter und die Skipperin möchte unbedingt erkunden, wohin er führt. Er endet nach zwei Kilometern an einem großen Ankerverbotsschild, denn hier liegt das Unterseekabel, das die Insel Kastos mit Strom von der Nachbarinsel Kalamos versorgt. Wahrscheinlich ist die Straße in diesem Zuge entstanden, um Baumaterialien zu transportieren. Der Zustand der gesamten Straße ist überaus schlecht, aber ein verblasstes Verkehrsschild begrenzt die Belastung auf 20 Tonnen. Das mag zur Bauzeit gestimmt haben, jetzt wäre das Befahren schon mit einem 7,5 Tonner lebensgefährlich! Leider finden sich keine Hinweise im Netz, wann Kastos elektrifiziert wurde, wahrscheinlich geschah es im Rahmen der landesweiten Infrastrukturprojekte zur Elektrifizierung der ionischen Inseln in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Nach dem ausgiebigen Marsch und bei warmem, windstillem Wetter geht es zur Abkühlung ins heute 19 Grad warme Mittelmeer. Erstmals schaffen wir dabei mehr als eine Runde um das Boot zu schwimmen und es reicht hinterher eine lauwarme Dusche zum Abspülen des Salzes. Nach einer Ruhepause im Cockpit, paddeln wir die wenigen Bootslängen zu unseren Nachbarn hinüber, denn wir sind zu einem Lamm Stew a la Candy eingeladen – sehr lecker und bei mildem Wetter verbringen wir den Abend erstmals bis nach Eintritt der Dunkelheit im Cockpit. Vielen Dank für den schönen Abend an Candy und Johan!

Donnerstag, 07.05.2026

Die Nacht war sehr ruhig, keine Wellen, sein Rollen – Ententeich. Da sieht die Aufnahme des Sternenhimmels schon fast scharf aus.

Nach dem Morgenkaffee setzt die Skipperin sich für ein morgendliches Ruderworkout in das Dinghi, um die beeindruckenden Felsformationen entlang der Küste aus der Nähe zu betrachten. In überwiegend waagerechten Schichten fallen die Klippen ins türkisblaue Meer – Blätterteig-Küste! Deutlich sichtbar, dass es immer wieder frische Abbrüche gibt, wenn Wind und Meer für Erosion sorgen. Nach einer halben Meile findet sich eine Höhle im Felsen, die breit genug für das Dinghi zu sein scheint. Nachdem aber schon der erste aus der Höhle fliehende Vogel ihr einen riesigen Schrecken einjagt, verzichtet sie auf eine Erkundung allein. Die Fotos zeigen, dass die Höhle weder breit noch hoch, aber ziemlich tief ist.

Nach der Rückkehr holen wir den Anker auf. Wir wollen in eine geschützte Bucht auf Kalamos verlegen, denn hier soll die nächste Nacht ungemütlich werden. Es weht eine leichte Brise aus Süd, die uns mit 2,5 Knoten aus der Bucht und entlang der Küste bis zur Nordspitze schiebt. Dann werden aus 4,5 Knoten Wind erst 2,5 und dann weniger als ein Knoten – keine Wahl, der Motor muss ran. Nach nur 4 Seemeilen fällt der Anker in der Gerolimnionas Bucht zwischen 12 anderen Booten. Die Saison nimmt Fahrt auf, bei unserem letzten Besuch lagen wir hier mit zwei Booten! Wir ankern auf 10m Tiefe auf Sand, der Anker greift beim zweiten Versuch gut. Kurz nach uns strömen weitere Boote in die Bucht, die teilweise recht eng ankern. Heute soll es hier weder Wind noch Welle geben, also sollte das funktionieren. Bei anderem Wetter wäre uns das zu eng.

Nach dem Frühstück brechen wir zu einer kleinen Erkundung in der Nachbarschaft auf. Komoot zeigt einen Pfad zu Ruinen und zu einer Badebucht auf der anderen Inselseite. Wir scheitern aber schon nach 50 Metern am steilen Gelände ohne markierten Pfad und an Unmengen von Spinnennetzen. Schnell sind wir uns einig, dass das wenig Spaß macht und wandern stattdessen zum Hafen von Kalamos. Auf dem Seeweg sind das knapp drei Seemeilen also ca. 5,5 Kilometer. Auf dem Landweg schlängelt sich der Weg entlang der Küstenlinie und nimmt jede Bucht mit. So kommen wir auf etwas mehr als 7 Kilometer für den Hin- und ebenfalls für den Rückweg. Dabei klettern wir zweimal auf 180 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Das Höhenprofil auf Komoot sieht sehr symmetrisch aus. Der Hafen von Kastos, in dem wir vor wenigen Wochen kostenfrei und nur mit wenigen Booten lagen, ist jetzt von zahllosen Charterbooten voll belegt. Mehrere Tavernen haben geöffnet, Tische und Stühle stehen am Hafen und er macht einen deutlich lebendigeren Eindruck. Aber die Pflasterarbeiten sind noch nicht abgeschlossen und uns tuen die Crews leid, die am unfertigen Ende an der Pier liegen. Sie werden noch bis zum Abend den Lärm und Staub vom Schneiden der Steine im Cockpit haben. Wir kehren in einer Taverne ein, schauen dem Treiben der Chartercrews zu und genießen ein kühles Getränk. Nach einem Abstecher zum Kaufmann, machen wir uns anschließend auf den Rückweg. Schon von weitem machen wir dabei auf der Straße etwas aus, an das wir uns vom Hinweg nicht erinnern können. Steht da ein Pferd? Tatsächlich steht ein Pferd mit merkwürdig aussehendem Lastensattel auf dem Weg, seitlich mit einer Kordel angebunden. Zu wem mag es gehören? Wir lassen den Blick schweifen und entdecken ganz in der Nähe den Schäfer beim Mittagsschlaf im Schatten eines Baumes!

Als wir uns der Ankerbucht nähern, sind wir freudig überrascht: sie hat sich geleert. Nur noch vier Boote liegen vor Anker. Das Wasser ist still, ein Standuppaddler zieht ruhig seine Bahn. Wir nutzen die Gelegenheit zu einem erfrischenden Bad samt Dusche auf der Badeplattform – herrlich erfrischend!

Abends zaubert Werner uns eine Thunfisch-Avokado-Ei-Füllung für unsere Wraps. Eine wahre Proteinbombe – genau das richtige nach der heutigen Wanderung.

Freitag, 08.05.2026

Der für den späten Vormittag vorhergesagte Südostwind setzt schon nachts ein. Es gibt wieder Plätschern am Boot. Wir schlafen beide unruhig und als wir morgens aufstehen, liegt unser Heck nur eine knappe Bootslänge von den Felsen entfernt – fühlt sich nicht gut an. Also beschließen wir, sofort aufzubrechen. Wir holen das Dinghi hoch, machen alle Seeventile und Schränke seefest, räumen alles, was sich selbständig machen könnte in die Spüle und holen den Anker hoch.

Unter Maschine laufen wir aus der Bucht und rollen dann die Genua im ersten Reff aus. Wenn die Vorhersage Recht hat, sollten wir auf den ersten Meilen einen Halbwindkurs haben, um dann abzufallen auf einen Vorwindkurs mit anschließender Halse und erneuten Halbwindkurs im Windschatten der Insel zum Zielhafen „Episkopi“. Da erscheint es uns am entspanntesten, nur unter Genua zu segeln. Aber schon nach zehn Minuten stellen wir zum einen fest, dass der Wind zwischen den Inseln ordentlich dreht, wir sogar Kreuzschläge machen müssen. Zum anderen öffnet sich unsere provisorische Reparatur am Achterliek der Genua. Die wollen wir nun nicht ganz auf’s Spiel setzen. Also rollen wir sie ein und laufen unter Maschine weiter. Es fängt an zu nieseln. Der Wind dreht auf dem Weg um die Insel mit uns mit und kommt am erhofft geschützten Ankerplatz aus Nord, was auch hier eine Legerwall-Situation zum Ankern bedeuten würde. Zudem weht er nun mit bis zu 40 Knoten und wir sehen einzelne Windhosen über das Wasser jagen. Unser Dinghi wird vom Wind hochgedrückt. Zum Glück haben wir es mit vier Leinen gut vertäut – losreißen kann es sich nicht.

Wir beschließen bis nach Meganisi in die geschützte Atherinoa Bay zu fahren. Unterwegs sind wir mehrfach glücklich, nicht unter Segeln unterwegs zu sein, denn die Windhosen bringen neben plötzlichem Starkwind bis 40 Knoten auch kräftige Winddreher mit sich. Unter Groß wäre da die Gefahr einer Patenthalse sehr groß und dafür fühlen wir uns beide nach schlechter Nacht, fehlendem Morgenkaffee und Frühstück nicht in der richtigen Verfassung. Unterwegs wirft der Skipper einen Blick in den Motorraum – bei ihm eine Routine bei Maschinenfahrt. Dabei stellt er fest, dass wir Wasser in der Motorbilge haben. Der Kühlwasserschlauch, der zum Boiler führt, ist undicht. Sobald der Motor warm genug ist, sinkt der Druck auf dem Schlauch und es ist nur noch ein Tropfen zu sehen. Damit können wir bis zum Ankerplatz klarkommen. Er füllt lediglich den Kühlwasserausgleichsbehälter etwas auf. Unterwegs erreicht uns die Nachricht von Buddyboot „Isabelle“, dass sie (ebenfalls) Motorprobleme haben, nach einer weiteren halben Stunde verstirbt ihr Motor komplett und Isabelle versucht mit stark gerefftem Groß den Kurs auf Meganisi zu halten. Die anvisierte Bucht liegt so, dass sie auch unter Segeln zumindest den ersten Wind-/Wellenschatten erreichen können. Dort warten wir auf sie und nehmen sie für die letzte halbe Meile bis tief hinein in die Bucht auf den Haken. Für uns ist dieses Mannöver das erste dieser Art mit Venga!. Wir bereiten eine dicke Leine als Schleppleine vor und verbinden diese mit einer dünneren Leine mit dickem Knoten am Ende als Wurfgewicht. Da wir die Affenfaust als Wurfknoten nicht beherrschen, machen wir einfach ein paar 8-Knoten hinter- und übereinander. Sieht nicht so schön aus, erfüllt aber trotzdem den Zweck und geht viel schneller. Dann fahren wir auf Wurfentfernung an Isabelle heran. Dem Skipper gelingt der Wurf beim ersten Versuch und Johan holt die Schleppleine durch. Als diese belegt ist, bekommt die Skipperin ein Zeichen, langsam Fahrt ins Boot zu bringen. Die Leine spannt sich und mit langsamer Fahrt fahren wir so durch das Ankerfeld.

Gerade, als wir Isabelle in geschützter Ecke bei 8m Tiefe absetzen, springt bei uns der Bilgenalarm an – das heisst, es ist zu viel Wasser in der Bilge! Die Verbindungsleine wird eingeholt und wir warten, bis wir von Isabelle Rückmeldung bekommen, dass ihr Anker gegriffen hat. Dann schalten wir die Bilgenpumpe kurz ab, um beim Ankermanöver nicht ständig einen zusätzlichen Adrenalin-Push zu bekommen, wenn die Pumpe wieder anspringt. Unser Anker fällt auf 13m am äußeren Rand des Ankerfeldes. Nachdem er gut eingefahren ist, schaut Werner an den „üblichen“ Stellen nach einer Leckage – alles dicht. Sobald wir aber die Frischwasserpumpe einschalten, geht der Bilgenalarm wieder an und wir hören es tief im Boot plätschern. Es scheint sich ein Schlauch des Frischwassersystems gelöst zu haben. Bevor aber nun den Keller ausräumen, um dem Problem auf den Grund zu gehen, wird erstmal gefrühstückt.

Im Anschluss räumen wir den Keller leer und schnell ist ein Kaltwasserschlauch als Übeltäter identifiziert. Er ist von einem Y-Verteiler abgerutscht, obwohl er dort mit zwei Schlauchschellen fixiert war. Wir pumpen und schöpfen gefühlt mindestens 100L Frischwasser aus der Bilge, fixieren den Schlauch mit zwei neuen Schlauchaschellen und legen die Bilge wieder ganz trocken. Danach widmet sich der Skipper dem Problem mit dem Kühlwasserschlauch. Der vorhandene Schlauch hat direkt neben den Schlauchschellen, wo der Druck und die Wassertemperatur am höchsten ist. Ein stecknadelgroßes Loch. Der Schlauch wird etwas gekürzt und wieder aufgesetzt – auch dieser Schlauch muss unbedingt komplett ersetzt werden und die Beschaffung des richtigen Schlauches kommt direkt auf die ToDo-Liste…

Am Nachmittag beruhigt sich der Wind, von der Isabelle kommt ebenfalls eine positive Reparaturnachricht, die Sonne zeigt sich sporadisch aber wir beschließen an Bord zu bleiben, da wir bei 20kn Windböen das Boot am Ankerplatz nicht alleine lassen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert