Der Ise- und der Roskildefjord halten uns weiterhin in ihrem Bann. Zunächst begeistern sie uns mit noch mehr Kunst und wunderbaren Begegnungen. Dann zwingt uns kräftiger Wind zu einer ungeplanten Pause, bevor uns zum Abschluss der Woche intensive Erlebnisse erwarten.
Samstag, 25.07.2026 – Nykøbing – Orø – 12 Seemeilen
Bevor wir Ablegen, machen wir noch eine Einkaufsrunde über den Kunsthandwerkermarkt, der uns dann zu einem längeren Spaziergang zum nächsten Geldautomaten zwingt, denn Kreditkarten werden nicht akzeptiert. So kann die Skipperin in der örtlichen Bäckerei noch etwas für die Fika shoppen und unterwegs zwei weitere Kunsthallen mit zeitgenössischer Kunst durchstreift werden. Es ist immer wieder spannend, was alles unter diesem Begriff zusammengefast werden kann – wir können lange nicht mit allem etwas anfangen.


Dann geht es los. Der Wind bläst mit 12-18 Knoten aus Westen und wir segeln unter vollen Segeln auf Halbwindkurs in Richtung Süden. Dabei gilt es zum einen die militärischen Sperrgebiete zu beachten und weiter im Süden, den Flachs auszuweichen. Kurz vor Orø passieren wir dem Pendant zur „Schwiegermutter“ vor Holnis. Hier handelt es sich um eine grüne Tonne, hinter der es genauso flach ist wie an der Holnisspitze. Im kleinen Inselhafen von Orø finden wir nur noch einen halblegalen Platz unter dem Riggermast. Es ist schon später Nachmittag und wir hoffen mal, dass hier an diesem Wochenende niemand mehr den Mast stellen will… Das Hafengeld wird in einem Briefumschlag im Briefkasten der „Badelaug“ hinterlassen. Welch ein Glück, dass wir heute morgen am Geldautomaten waren! Den Code für die Toiletten bekommen wir auf Nachfrage von zwei älteren Fischern im Vereinshaus handschriftlich auf einen Zettel geschrieben – hier ist man offensichtlich noch eher analog unterwegs. Die Hafeneinfahrt ist Richtung Südwesten offen und es kommt etwas Schwell herein, der uns abends wunderbar in den Schlaf schaukelt.



Sonntag, 26.07.2026 – Oro – Hafentag
Noch vor dem Morgengetränk ereilt uns die Nachricht, dass heute tatsächlich jemand seinen Mast stellen möchte. Wir müssen unseren Liegeplatz räumen. Zum Glück läuft gerade ein Motorboot aus und macht einen „legalen“ Platz frei. Dieser liegt nun auch noch so, dass der für heute Nacht angekündigte Starkwind uns nichts anhaben kann! Der Skipper räumt die Steuerbordbackskiste aus, um in ihrer Tiefe den Hahn am Dieseltank abzudrehen. Wir hoffen, damit das permanente Tropfen an der Einspritzpumpe abstellen zu können.

Dass wir diese Insel angelaufen haben, hat einen guten Grund. Werners Geschäftspartner von Danish Radio, Stig Larsen (nein, nicht der Schriftsteller), hat hier ein Ferienhaus und hat uns herzlich zum Lunch eingeladen. Auch er ist mittlerweile „Vollzeitgenießer“ und daher ganz auf die Insel gezogen. Da er in der Nähe des Hafens wohnt, holt er uns am Boot ab und bekommt erstmal eine kurze „Roomtour“, bevor wir zu ihm nach Hause laufen. Vor 12 Jahren hat er aus einer spontanen Laune heraus ein altes Ferienhaus auf einem 5.000 Quadratmeter großen Grundstück gekauft, zwei Jahre vor seiner Pensionierung dann mit einem Neubau in Eigenleistung erweitert und nun lebt er dort seit 2 Jahren mit seiner Frau Inge und hat noch weitere Projekte für die nächsten 10 Jahre in der Pipeline. Das ist uns sehr sympathisch! Seine Frau tobt sich derweil im Garten aus, allein 72 Tomatenpflanzen gilt es in diesem Jahr in Freiland und zwei Gewächshäusern zu pflegen und zu ernten. Aber auch Kartoffeln, Bohnen, Paprika, Aubergine und Chillis konnten wir bewundern. Ganz zu schweigen von den Obstbäumen. Wenn der Garten gerade nicht nach ihr ruft, tüftelt sie an neuen Rezepten oder Strickprojekten. Wir haben jedenfalls genug Themen für stundenlange angeregte Gespräche. Nach einem leckeren Lunch (fast vollständig aus dem eigenen Garten). Bekommen wir noch eine ausgiebige Gartenführung und lernen die Haustiere, 3 Hennen und 7 Küken, kennen. Im hinteren Garten befindet sich ein kleines Wäldchen mit einem Shelter und einer Feuerstelle. Inge verrät uns, dass der Shelter an heißen Sommertagen ihr liebster Schlafplatz ist. Natürlich interessiert uns die „Innensicht“ der beiden zum ganzjährigen Leben auf einer Insel. Es gibt ca. tausend Dauerbewohner und natürlich sind im Winter viele der Cafés und Restaurants überwiegend geschlossen. Aber es gibt ein reges Vereinsleben und eine große Hilfsbereitschaft untereinander. Trotzdem gesteht Inge, dass es im Winter schon mal recht einsam werden kann, weshalb sie in diese Zeit meist einen langen Urlaub legen.

Es ist später Nachmittag, als wir zurückkommen. Der angesagte Regen ist nicht gekommen, aber es hat sich zugezogen und der Wind aufgefrischt. Wir wollen uns aber noch etwas bewegen und brechen auf zu einer Wanderung um die westliche Hälfte der Insel. Der Trampelpfad führt entlang der Küste und bevor wir ins Inland für den Rückweg abbiegen, kommen wir am Zaun des Wildtiergeheges vorbei. Dahinter grast ganz in Ruhe eine Damwild Herde neben mehreren Bisons – ein irritierender Anblick.























Montag, 27.07.2026 – Orø – Hafentag
Wir sind eingeweht. Es bläst mit konstanten 22-25 Knoten, in Böen sehen wir 35 Knoten. Die Kuchenbude hatten wir schon gestern wegen des angesagten Regens aufgebaut und sind nun froh, dass wir so mehr nutzbaren Raum haben.

Heute wollen wir die Ostseite der Insel erwandern und hoffen so, dem starken Westwind etwas entgehen zu können. Leider stellt sich heraus, dass der Küstenpfad auf dieser Seite sehr tief liegt und daher stellenweise sehr morastig ist. Also biegen wir vorzeitig Richtung Inselinneres ab und bekommen den Wind dabei direkt ins Gesicht. Die Insel überrascht uns mit einer Vielzahl an Mirabellenbäumen. Geschätzt kommen hier auf jeden Dauereinwohner so an die 5 Mirabellenbäume. Wir geben der Insel den Beinamen „Mirabellen – Ø“. Dabei gibt es sowohl gelbe, als auch rote Sorten, die teilweise schon richtig gut schmecken. Opa Klaus hätte seine wahre Freude daran, unzählige Flaschen Mirabellensaft einzukochen!













Der Skipper hat weniger Meinung auf eine lange Tour, also trennen wir uns. Die Skipperin findet auf ihrem Weg einen übervollen Baum mit Sauerkirschen und kann natürlich nicht daran vorbeigehen, ohne eine Tüte voll zu pflücken. Die Wolken jagen über den Himmel und immer wieder schaffen ein paar Sonnenstrahlen es, zwischen ihnen hindurch zu scheinen. Besonders ein gelbes Feld mit Jakobskreuzkraut wird so eindrucksvoll in Szene gesetzt.




Dienstag, 28.07.2026 – Orø – Frederikssund – 23 Seemeilen
Als wir morgens aufwachen, weht es immer noch ganz ordentlich. Also beschließen wir, einen Ausflug mit der Fähre nach Holbæk zu unternehmen. Orø wird von zwei Fähren angefahren. Die kommunale Fähre aus Holbæk fährt im Zweistundentakt und transportiert die Dauerbewohner samt Fahrrad kostenfrei zum im Westen liegenden Hafen. Im Osten gibt es zudem eine Kabelfähre, die alle halbe Stunde fährt und nur 6 Minuten für die Überfahrt braucht. Auf diesem Weg erreicht man Kopenhagen mit dem Auto in ca. einer Stunde. Das macht deutlich, warum das Leben auf dieser Insel vergleichsweise „einfach“ ist. Man ist gut angebunden. Die Insel ist Teil der Kommune Holbæk und wir wollen uns den Ort nun einmal ansehen, der 35 Tausend Einwohner beherbergt und über einen hübschen Hafen mit vielen alten Schiffen verfügt.








Leider ist die interaktive Museumswerft geschlossen – schade. Vielleicht sind wir aber auch einfach zu früh unterwegs, denn auch die meisten Geschäfte haben noch zu. Durch Zufall stoßen wir auf einen Hausgiebel mit Streetart und fühlen uns etwas an das schwedische Oskarshamn im letzten Jahr erinnert. Leider finden wir hier keinen Ortsplan mit den eingezeichneten Kunstwerken, nur den Hinweis auf Führungen. So bleibt es bei einigen zufälligen Funden, die es allerdings mit denen aus Oskarshamn nicht aufnehmen können.












Nach einem Bäckerei-Frühstück in der Sonne, kehren wir mit der nächsten Fähre wieder zurück zum Boot und beschließen noch auszulaufen. Der Wind hat etwas nachgelassen und weht mit 18 Knoten aus Südwest. Damit können wir gut wieder nach Norden segeln und mit etwas Glück sogar noch ein Stück im Roskildefjord nach Südosten. Zur Sicherheit wollen wir beim Segelsetzen das erste Reff ins Groß binden. Der Skipper versucht die Reffleine durchzuziehen, da rauscht sie durch. So ein Mist. Offensichtlich hat sich der Knoten der Skipperin beim Schlagen des Segels gelöst und der fehlende Achtknoten am Leinenende wird sofort bestraft. Also müssen wir das 2. Reff einbinden und haben nun die nächste „Baustelle“… Das Segeln entschädigt uns für diesen kleinen Frust. Jento läuft super. Wir haben kaum Welle und einen Halbwindkurs. Da sehen wir des Öfteren über 7 Knoten auf der Logge. Nördlich von Orø havert die Dannebrog, die königliche dänische Yacht, die wir schon zu Beginn unserer Reise in Sonderborg getroffen haben. Auf Vesselfinder können wir sehen, dass sie auch genau von dort gerade gekommen ist und hier einen Kurzbesuch im Marine-Tauch-Zentrum absolviert hat.






Nördlich der Halbinsel, die den Isefjord vom Roskildefjord trennt, steht tatsächlich etwas Welle, auf der Jento auf Raumschotkurs etwas surfen kann. Im Roskildefjord wird es dann navigatorisch interessant. Hier ist es stellenwiese super flach und nicht alles ist betonnt. Das Hauptfahrwasser macht einen Schlenker vorbei an Frederiksværk, was einen Umweg bedeuten würde. Also suchen wir uns einen Weg durch die Flachs. Dabei wandert die Tiefenangabe auf unserem Plotter an einer Stelle auf 1,9m, also gerade noch 30cm unter dem Kiel. Aber dann haben wir bald wieder tieferes Wasser erreicht. Nun gilt es die Tonnen des Fahrwassers genau zu beachten, denn außerhalb ist es sehr flach. Wir luven an und fallen ab und können tatsächlich alles aussegeln und erreichen noch dazu die Kronpris Frederik Klappbrücke pünktlich zu ihrer Öffnungszeit um 18:30 Uhr. Kurz vorher bergen wir die Segel, denn hinter der Brücke liegen die Häfen von Frederikssund. Wir nehmen gleich den ersten, der es uns morgen erlaubt, verschiedene Einkaufsmöglichkeiten (Lidl, Netto, Føtex) auf kurzem Fußweg zu erreichen.

Mittwoch, 29.07.2026 – Frederikssund – Roskilde – 12 Seemeilen
Wir wachen früh auf und werden von einem sonnigen und windarmen Tag begrüßt. Leider müssen wir feststellen, dass es mit den Sanitäranlagen schlecht bestellt ist. Es gibt „eigentlich“ zwei Bäder für die Segler, zu denen man mit einem Code Zugang bekommen soll. Aber sie sind verschlossen und das nebenan vorhandene öffentliche WC ist nicht sehr einladend. Zum Glück ist es nicht weit zu den Kundentoiletten bei Føtex… Auch die Dänen an unserem Steg, die wir um Hilfe fragen, sind ratlos und sauer. Sie haben teilweise Festliegeplätze hier am Steg und beschließen gemeinsam einen bösen Brief an die Gemeinde zu schreiben. Seit sie den Hafen vom Segelclub übernommen hat, klappt es mit den Sanitäreinrichtungen wohl selten. Sollten wir hier wieder eine Nacht verbringen wollen, empfehlen sie uns den weiter südlich liegenden Hafen des Clubs.



Nach dem Morgengetränk im sonnigen Cockpit, brechen wir zu einem kleinen Ortsrundgang samt Einkauf auf. Die Skipperin hat einen guten Riecher und findet bei Føtex erstaunlich günstige Birkenstock-Gizeh-Sandalen. Das sind ihre liebsten und werden fast täglich getragen. Das letzte Paar sieht entsprechend aus. Nun hat sie welche „für gut“!
Im Anschluss geht es unter Maschine weiter bis nach Roskilde. Das Fahrwasser wird immer schmaler, teilweise hat es nur eine Breite von 15 Metern. Wir fühlen uns auch landschaftlich teilweise an die Fahrt auf dem Götakanal mit seinen kleinen Seen erinnert. Schon von weitem sieht man ein markantes Gebäude von Roskilde in der Ferne. Anfangs halten wir es für den Dom, aber beim Näherkommen wird’s klar, dass es sich um etwas anderes handelt. Es ist der Energieturm ARGO des niederländischen Architekten Erick van Egeraat, dass mehrfach preisgekrönt wurde. Es handelt sich dabei um ein98 Meter hohes Müllheizkraftwerk an der Autobahn mit einer sehr prägenden Silhouette. Seine perforierte, rostfarbene Aluminiumfassade erzeugt im Dunkeln ein leuchtendes Muster und wird scherzhaft als „Kathedrale der Müllverbrennung“ bezeichnet. Mal sehen, ob wir das im Dunkeln sehen können.



Wir finden einen schönen Liegeplatz mit der Nase Richtung Süden. Bei den für die nächsten Tage vorhergesagten Temperaturen, kann Schatten im Cockpit ausnahmsweise mal ganz passend sein. Dann frühstücken wir erstmal und gönnen uns eine Wohneinheit im Cockpit, bevor wir zu einem ersten Rundgang durch Roskilde aufbrechen. Am Hafen fallen einem sofort die Nachbauten von Wikingerbooten ins Auge, die vom benachbarten Museum aus mit Touristenausfahrten unterwegs sind. Als nächstes staunen wir über viel Grün im Stadtbild und die mächtigen Dombauten. Überall blüht es im öffentlichen Bereich zudem im Überfluss. Roskilde gefällt uns auf Anhieb. Hier wollen wir ein paar Tage bleiben, um zum einen die Stadt zu erkunden und zum anderen ein paar Ausflüge Richtung Haupstadt und nördliches Seeland zu unternehmen. Denn hier ist der Liegeplatz viel günstiger als in Kopenhagen und es ist problemlos einen zu bekommen. Die Sanitäreinrichtungen sind schon fast luxuriös und ziemlich neu.





















Donnerstag, 30.07.2026 – Roskilde – Hafentag
Heute steht die eingehendere Erkundung Roskildes und seiner Geschichte an. Am Morgen besuchen wir als erstes das Wikingermuseum, das sich nur wenige Schritte von unserem Liegeplatz entfernt befindet. Wir sind die ersten Besucher und können so die fünf geborgenen Boote noch fast allein betrachten. Roskilde blickt auf eine lange Wikingergeschichte zurück. Laut altnordischer Sagen wurde die Stadt von König Roar an einer heiligen Quelle gegründet (=Roars Kilde/Quelle), daher der Name. Historisch greifbar wird es 980, als Wikingerkönig Harald Blauzahn hier eine königliche Residenz und eine Holzkirche errichtete. Die geschützte Lage am Roskildefjord ermöglichte den Handel über das Meer genauso, wie zu Land und so wurde Roskilde zu einem florierenden Handels- und Flottenstützpunkt der Wikinger. Um die Stadt vor feindlichen Seeeinfällen zu schützen, versenkte man um 1070 gezielt fünf eigene Schiffe im Fjord als Barriere. Diese wurden Jahrhunderte später spektakulär wieder ausgegraben und können heute besichtigt werden. Neben den Resten dieser Wikingerboote, macht die Erlebniswerft einen Großteil der Attraktivität des Museums aus. Hier werden überwiegend mit den alten Methoden und Werkzeugen, Nachbauten der Wikingerboote hergestellt. Im kleinen Hafen des Museums schwimmen ein gutes Duzend dieser Boote und fahren während des Tages mehrfach mit Gästen auf den Roskildefjord. Je nach Wetter werden sie ausschließlich mit Muskelkraft durch Rudern bewegt, oder auch mit den typischen Wikingersegeln. In einem Nebenraum des Museums sind zwei Boote in Schräglage aufgebaut. Auf die Wände rundherum werden Meeres- und Wetterszenen projiziert. Im Boot sitzend wird so der Eindruck vermittelt, man würde tatsächlich mit den offenen Booten über einen aufgewühlten Ozean fahren. Eine eindrucksvolle Geräuschkulisse verstärkt den Eindruck. Nur mit wenigen anderen frühen Besuchern müssen wir dieses beeindruckende Erlebnis teilen. Im Anschluss lernen wir, welche weiten Strecken die Wikinger mit ihren offenen, aber sehr seetüchtigen schnellen Booten zurücklegten. Bis nach Grönland, Island, Neufundland und die Behrings See sind sie im Norden gesegelt. Im Osten und Süden ging es ins Mittelmeer, zum Bosporus, über osteuropäosche Flüssen ins Schwarze Meer und bis nach Alexandria.








Die Wikingerzeit umfasst die Epoche vom Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Ende des 11. Jahrhunderts. Aufgrund einer technischen Meisterleistung, der Erfindung des Langschiffes, waren sie in der Lage, relativ schnell weite Strecken auch über große Ozeane zurückzulegen und wegen des geringen Tiefganges auch weit die Flüsse hinaufzufahren. Die Überfälle brachten ihnen den Beinamen Seeräuber und Barbaren ein, aber sie waren ebenfalls geschickte Händler und wagemutige Entdecker und zuhause fleißige Handwerker, Bauern und Fischer. Sie lebten in einer streng hierarchischen Gesellschaft (Sklaven, Bauern, Fürsten) und verehrten die nordischen Götter wie Odin, Thor und Freya. Sie hofften, nach einem Heldentod im Kampf nach Wallhall einzugehen. Und die Fürsten bekamen reichhaltige Grabbeigaben mit auf die Reise dorthin.
Das Ende der Wikinger wurde durch zwei Faktoren besiegelt:
- Der zunehmenden Christianisierung und
- Der Niederlage des norwegischen Königs Harald Hardråde beim Versuch, England zu erobern.
So informiert wechseln wir den Ort und wenden uns der Werft und den Booten im Hafen zu. Dabei entlockt es uns ein Schmunzeln, doch ein paar moderne Schraubzwingen und sogar einen Akkuschrauber in Aktion zu sehen. Aber die gezeigte Handarbeit mit Axt und Hobel ist sehr beeindruckend. Auch die verblüffend einfachen Tricks, um das Rigg oder den Bug zu stabilisieren beeindrucken uns.













Zur Stärkung für die weitere Sightseeingtour, machen wir eine kurze Frühstückspause im Cockpit. Danach wandern wir den Hügel hinauf zum Dom, der an der gleichen Stelle errichtet wurde, an der die erste hölzerne Kirche der Stadt stand. Vom 11. Jahrhundert an, stieg Roskilde zur offiziellen Hauptstadt Dänemarks auf. Um 1170 wurde mit dem Bau des monumentalen Doms begonnen. Da es auf Seeland kaum Naturstein gab, griff man auf das damals revolutionäre Material Backstein zurück. Der Bau begann im romanischen Stil, wurde aber später im gotischen Stil weitergebaut. Auch im weiteren Stadtbild fallen die vielen gut erhaltenen und teilweise reich verzierten Backsteingebäude auf. Im Mittelalter platzte die Stadt aus allen Nähten und war das religiöse Machtzentrum Nordeuropas. Es florierte als Königs- und Bischofssitz. Mit der Reformation verlor der Dom seine Rolle als katholisches Machtzentrum, die prunkvollen Heiligenbilder wurden entfernt und der Kirchenraum vereinfacht. Dazu gehörte auch, dass die Trennwand zum Altar eingerissen wurde, denn nun sollte die gesamte Gemeinde an den Gottesdiensten teilnehmen können, nicht nur der Klerus. Seit dem 16. Jahrhundert diente der Dom zudem ausnahmslos als Grabstätte aller dänischen Monarchen. Da fast jede Generation von Monarchen ihre eigene Grabkapelle an den Dom anbauen ließ, gleicht der Dom heute einer architektonischen Zeitreise. Neben gotischen Hallen findet man prachtvolle Renaissance Bauten sowie barocke, klassizistische und moderne Elemente. 21 Könige und 17 Königinnen haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Damit ist der Dom das weltweit größte königliche Grablege und seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe.










Was für uns heute außerdem von besonderer Bedeutung ist: im Dom ist es angenehm kühl, während draußen die Hitze steht. Nach einer Stunde beenden wir unseren Rundgang und laufen nur ein paar hundert Meter durch die Hitze zur nächsten Sehenswürdigkeit, der St. Laurentiuskirche. Von dieser wurde zur Reformation nur der Kirchturm als Stadtturm für die Feuerwache und die Nachtwächter stehen gelassen. Das eigentliche Kirchenschiff wurde abgerissen. In den 1930er Jahren wurde es bei Tiefbauarbeiten wieder entdeckt und freigelegt und ist als unterirdische Kirche heute zugänglich. Wir ersteigen erst den Turm, um von oben durch kleine Gucklöcher in drei Himmelsrichtungen über die Stadt schauen zu können, bevor wir die enge Wendeltreppe bis unter die Erde hinabsteigen. Hier sind wir tatsächlich die einzigen Besucher. Es ist angenehm kühl und ein ganz besonderes Erlebnis, da die Beleuchtung sich erst Stück für Stück einschaltet, je weiter wir in den Raum vordringen. Der Boden der alten Kirche war mit einem schwarz-roten Fliesenmuster belegt und ist erstaunlicherweise noch gut erhalten. Wir umrunden die Reste des Baus auf Fundamenthöhe – groß war die Kirche nicht.



Schon gestern hatten wir auf unserem ersten Rundgang den Lützhøft Købmannsgarden gesehen, konnten aber nur durch die Fenster luschern. Jetzt hat er geöffnet und lässt den Besucher in das Handelsleben der 1920er Jahre eintauchen. Uns begrüßt eine junge Frau, die im Stil der Zeit gekleidet und frisiert ist und erläutert uns kurz, dass sich hier tatsächlich seit den 1890er Jahren bis 1979 ein Kolonialwarengeschäft befand. Die letzten Inhaber führten das Geschäft extrem altmodisch und ohne große Modernisierungen. 1982 übernahm das Roskilde Museum das Anwesen und stellte exakt den Zustand von 1920 wieder her. Die Regale sind mit vielen verschiedenen Waren gefüllt und die ehrenamtlichen „Kaufleute“ im historischen Outfit bedienen die Kunden. Auch wir kaufen ein paar Kleinigkeiten.








Nach knapp 30 Minuten Fußmarsch erreichen wir unser nächstes Ziel, das Museum Ragnarock. Der Unterschied zum gerade besuchten Kolonialladen von 1920 könnte größer nicht sein. Hier befinden wir uns in Dänemarks nationalen Museum für Pop-, Rock- und Jugendkultur. Schon im Fahrstuhl werden wir von lauter Rockmusik beschallt. Das Museum liegt inmitten des kreativen neuen Stadtviertels Musicon mit interessanten architektonischen (Container-) Bauten und nur einen Steinwurf entfernt vom Gelände des legendären Roskilde-Festivals. Es ist eine Hommage an die Musik, die Jugendbewegungen und den gesellschaftlichen Wandel seit den 1950er Jahren und lässt uns in eine Welt der Klänge, Farben und technischen Ton- und Lichtshows eintauchen. Leider geht es musikalisch fast ausschließlich um dänische Musik mit der wir nicht so viel anfangen können. Im benachbarten Café gönnen wir uns im Anschluss einen Cappucchino und einen total überzuckerten Kuchen, bevor wir uns auf den Rückweg machen und noch kurz im Roskildemuseum vorbeischauen.




Dort lernen wir, dass es in Roskilde die erste permanente asphaltierte Motorsport-Rennstrecke Dänemarks gab. Von 1955 bis 1969 erlangte sie unter Rennfahrern weltweit Kultstatus und lockte sogar die Formel 1 an. Sie entstand auf Privatinitiative in einer alten Kiesgrube, die einem Amphitheater glich. Die Zuschauer standen oben am Rand der Grube und konnten die gesamte Rennstrecke überblicken. Das Wachstum der Stadt bedeutete das Aus für den Rennsport, denn der Motorenlärm störte die Anwohner. Die Rennstrecke wurde zu einem Park umgestaltet und wir realisieren erst später, dass wir durch ihn hindurch zum Ragnarock-Museum gelaufen sind. Ansonsten wirkt die Zusammenstellung im Museum recht wahllos und so schaffen wir den Rundgang leicht in der noch verbleibenden halben Stunde bis zur Schließung um 16:00 Uhr.






Etwas erschöpft machen wir uns auf den Rückweg zum Boot – das war extrem viel Input. Vieles war sehr interessant, aber in dieser Intensität hätten wir es nicht gemacht, wenn wir überall den normalen Eintritt hätten zahlen müssen. Wir haben uns jedoch heute morgen für 4 Tage die Copenhagen Card Discover besorgt, die all diese Highlights inkludierte. Für 4 Tage kostet die Karte pro Person 164€ und erlaubt den Eintritt in 80 Attraktionen sowie die Nutzung des gesamten öffentlichen Nahverkehrs im Großraum Kopenhagen. Außerhalb des Berufsverkehrs kann man sogar auf vielen Strecken das Fahrrad kostenlos mitnehmen. Die heutigen Eintrittsgelder hätten sich schon auf über 65€ summiert. Morgen geht es mit der Bahn nach Kopenhagen. Mal sehen, was dort auf uns wartet.
Freitag, 31.07.2026 – Roskilde – Hafentag
Nach dem Morgengetränk brechen wir schon vor 9:00 Uhr auf Richtung Bahnhof. Die Anreise mit der Regionalbahn nach Kopenhagen klappt fast pünktlich. Nach 40 Minuten erreichen wir den Hauptbahnhof und wenden uns als erstes zur Anlegestelle der Stromma-Boote unterhalb von Christiansslot für eine Hafenrundfahrt.



Wir haben Glück, das nächste Boot startet in 10 Minuten und wir finden einen Platz auf dem offenen Vordeck. Unser „Reiseleiter“ heißt Pattrick, spricht hervorragendes Englisch und besitzt Entertainer-Qualitäten. Die Route führt über den Slotsholm Kanal und unter den ersten Brücken hindurch, die fast alle so niedrig sind, dass Pattrick sich jedes Mal hinsetzen muss. Zur Rechten passieren wir den Regierungssitz und die abgebrannte Börse, die bereits wieder originalgetreu aufgebaut wird. Zur Linken werden wir auf die einzige dänische Kirche hingewiesen, die eine Anlegestelle für Boote hat. Was daran liegt, dass hier früher die Marine residierte. Dann geht es raus in den eigentlichen Hafenbereich, unter der „Innerhafenbrücke“ hindurch, die im Volksmund „kissing bridge“ genannt wird, weil die beiden Brückenhälften zur Öffnung auseinandergleiten und sich beim Schließen so sanft wieder berühren, wie die Lippen eines Liebespaares. Linker Hand sehen wir das moderne Schauspielhaus und biegen dann rechts am architektonisch beeindruckenden Konzerthaus in den Frederiksholmenkanal, der mit einem „stillen Abschnitt“ (=keine Mikrofonansagen) beginnt, denn hier liegen hochpreisige Wohnungen. Erst nach der nächsten 90-Grad-Biegung darf wieder gesprochen werden. Wir fahren nun entlang der hinteren Grenze von Christiania, der autonomen, selbstverwalteten Freistadt, die aus Hausbesetzungen eines ehemaligen Militärgeländes seit den 1970er Jahren entstand und als eines der bekanntesten sozialen Experimente Europas gilt.









Wir verlassen den Kanal und kommen wieder in das Hafengebiet. Die Hafenrundfahrt führt auf der Ostseite weiter hinaus, vorbei an Militärbereichen und einer ehemaligen Industriefläche, die heute für Konzerte und als Streetfood-Meile genutzt wird. Dann wechseln wir auf die andere Uferseite, passieren die Kleine Meerjungfrau, den Verwaltungssitz der großen Reederei „Mærsk“ und biegen dann in den Christianshavnkanal ein – wieder eine „silent zone“. Am schwarzen Diamanten, der neuen Bibliothek kommen wir wieder ins Hafenbecken und fahren schräg gegenüber in den Frederiksholm Kanal. Nach einer letzten flachen und engen Brücke mit anschließender 90 Grad-Kurve (Millimeterarbeit!!!), kommen wir wieder am Ausgangspunkt an. Das war ein fantastischer Einstieg in unseren Kopenhagen-Tag!










In der Grünanlage neben dem Regierungssitz finden wir einen Platz auf einer Bank und genießen das mitgebrachte Picknick, bevor es weitergeht zur Bibliothek, in der wir uns zwei Fotoausstellungen ansehen wollen. In „Press Photo of the Year 2025 sehen wir dramatische und prägende Pressefotografien des letzten Jahres aus Dänemark. Die Bandbreite reicht von künstlerisch schön bis brutal realistisch. Die Dauerausstellung „The World Around Us“ ist eine faszinierende Schau zur Fotografie und einer sich ändernden Welt.













Leider hat die Skipperin irgendwo unterwegs die Powerbank zugesetzt, also gilt es erstmal Ersatz zu besorgen, bevor es mit dem Designmuseum weitergeht. Es gehört weltweit zu den bedeutendsten Ausstellungsorten für angewandte Kunst. Und zeigt im ersten Teil die Entwicklung verschiedener Logos dänischer Firmen im Verlauf der Jahrzehnte. Am meisten fasziniert uns allerdings die Sammlung dänischer Designstühle, die in drei Reihen übereinander beidseits eines langen Ganges beeindruckend in Szene gesetzt sind.











Nach einem aufmunternden Kaffee lassen wir uns weiter treiben und landen zufällig am „Freiheitsmuseum“, dass über den Widerstand der Dänen gegen die Deutschen während der Besatzungszeit von 1940 bis 1945 berichtet. Überirdisch wirkt es im ersten Moment wie ein Holzschuppen. Die Ausstellungsfläche befindet sich zwei Stockwerke unter der Erde, was die geheimnisvolle, beklemmende Atmosphäre der damaligen Widerstandsbewegung architektonisch widerspiegelt. Persönliche Schicksale von vier Personen des Widerstandes und eines dänischen Nazis werden in den Fokus gestellt und über die fünf Jahre durch „Icherzählungen“ verfeinert. So erleben wir hautnah deren moralische Grauzonen, Dilemma und drastischen Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Diese Art der „Museumspädagogik“ fesselt uns und entlässt uns nach einiger Zeit gespickt mit Denkansätzen wieder in die sonnige Wirklichkeit. Etwas sprachlos – jeder hängt seinen Gedanken nach – spazieren wir entlang des Hafens wieder in Richtung Bahnhof.





















Zwei Punkte sind auf unserer Liste noch offen. Zum einen wollen wir in das Museum der Illusionen und zum anderen in den Tivoli. Beides steht im absoluten Kontrast zu unserem gerade Erlebten. Im Museum der Illusionen haben wir viel Spaß und tappen bereitwillig in die uns gestellten Fallen.













Der Tivoli dagegen erschlägt uns. Es ist wahnsinnig voll, laut und bunt. Nur weil die Copenhagen Card uns einen freien Eintritt ermöglicht, gehen wir überhaupt hinein. Die Idee, hier vielleicht essen zu gehen, geben wir angesichts der Preise und der Warteschlangen vor den Restaurants sofort auf. Unser einziges Ziel ist es, schnell wieder hinauszukommen, um mit dem nächsten Zug in ein geradezu dörflich ruhiges Roskilde zurückzufahren. Nudeln und Pesto sind immer an Bord und schmecken uns heute besonders gut.




Ein Kommentar
Wieder sehr beeindruckend euer Gang durch die Zeitgeschichte! Roskilde, Copenhagen sind eine Reise wert, alles quasi vor der Haustür! Auch die Fotos sind wieder klasse, ich brauche keine Fotografie Ausstellungen, sondern bin durch eure Fotos inspiriert und neugierig geworden!