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#79 – Ein Abstecher nach Schweden

Nachdem der Wind endlich etwas nachgelassen hat, nutzen wir eine kleine Wetterlücke für einen Abstecher nach Schweden. Die südlichste Provinz Schonen haben wir bei unseren bisherigen Törns immer links liegen gelassen – diesmal wollen wir genauer hinschauen. Und werden dabei ziemlich positiv überrascht: hübsche Küstenorte, spektakuläre Landschaften, viel Geschichte und jede Menge Keramik.

Dazwischen gibt es kräftigen Wind, überraschende Entdeckungen zu Lande und zu Wasser und schließlich ein ganz besonderes Himmelsereignis. Zum Ende der Woche geht es dann noch für einen kurzen Abstecher zurück nach Kopenhagen, wo wir Besuch an Bord erwarten.

Samstag, 08.08.2026 – Gilleleje – Höganäs – 11 Seemeilen

Endlich hat der Wind ein Einsehen und deutlich an Stärke nachgelassen. Daher legen wir nach dem Morgengetränk in Gilleleje ab. Es steht zwar noch eine alte Welle, aber die kommt schräg von hinten und bringt Jento eher zum Surfen als zum Feststampfen. Wir wollen einmal quer über den recht befahrenen Eingang zum Øresund auf die schwedische Seite. Da der Ort Mölle wegen der immer noch stattlichen Welle und der damit verbundenen Unruhe im Hafen ausscheidet, heißt unser Ziel Höganäs. Unter Genua schlängeln wir uns durch die großen Pötte hindurch und erreichen Höganäs passend zu unserer Frühstückszeit. Die Marina ist erstaunlich groß und hübsch angelegt, auch die Sanitäreinrichtungen sind gut. Und positiver Nebeneffekt: der nächste Lidl ist nur 800m entfernt. Dorthin zieht es uns nach dem Frühstück, denn Skipperin Barbara braucht für ihren Kaffee wieder einen H-Milchvorrat. Unser Kühlschrank ist einfach zu klein, um einen Frischmilchvorrat mitzuführen. Auf dem Weg dorthin kommen wir an riesigen bepflanzten Kunststoffkübeln in Form brauner 3L Steingutkrüge vorbei und können uns darauf keinen Reim machen. Erst später lesen wir, dass Höganäs auf 200 Jahre Keramikgeschichte zurückblickt, die den Ort zur „Keramik-Hauptstadt“ des Landes gemacht. Das schwedische Wort Höganäskrus (Höganäs-Krug) ist heute in ganz Skandinavien ein fester Begriff. Die typischen braunen Steingutkrüge mit Henkeln wurden zur Aufbewahrung von Lebensmitteln (wie Hering, Schmalz oder Preiselbeeren) in fast jedem schwedischen Haushalt unverzichtbar. Einem Wandbild entnehmen wir, welche „Sehenswürdigkeiten“ es sonst noch gibt.

Nachmittags kümmern wir uns im sonnigen Cockpit sitzend um den Bericht und verzehren den Rest der Erdbeertorte von gestern. Skipperin Barbara kann ja nur schwer einen Sonnenuntergang auslassen und spaziert zu selbigem dann nochmals um den Hafen. Dabei fallen ihr an der Mole unzählige, offensichtlich von Kindern angefertigte Kacheln auf. Das Projekt wurde im Jahr 1992 von dem bekannten lokalen Keramiker Klas-Göran „Klase“ Klaesson ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein partizipatives Generationenprojekt. Über die Jahre hinweg haben Tausende von Schulkindern, Einheimischen und jungen Besuchern im Rahmen von Ferien- und Festivalaktivitäten (wie dem jährlichen Keramikfestival) ihre eigenen kleinen Kunstwerke aus Ton geformt, glasiert und gebrannt. Die bunten Kacheln wurden anschließend an den Wänden der Mole angebracht, um den grauen Beton des Hafens in ein lebendiges, öffentliches Kunstwerk zu verwandeln, das die tief verwurzelte Keramiktradition von Höganäs widerspiegelt.

Das warme Licht der untergehenden Sonne lässt die Glasur glänzen. Selbst der wenig hübsche Kran im benachbarten Gewerbehafen, sieht im Gegenlicht interessant aus.

Sonntag, 09.08.2026 – Höganäs – Hafentag

Heute wollen wir zum Kullaberg. Nach dem Morgengetränk werden Stullen für das Picknick geschmiert. Es geht mit dem Rad 12 Kilometer bis nach Mölle, grobe Richtung Nord. Das ist bei Südostwind ein Kinderspiel, aber uns graut etwas vor dem Rückweg. Die Strecke führt über weite Strecken auf einer stillgelegten Bahnlinie und somit auch mit wenig Steigung. Hinter Mölle stellen wir die Fahrräder am Freibad ab. Nun beginnt die ca. 10 Kilometer lange Wanderung um die Halbinsel Kullen, ein spektakuläres Naturreservat im äußersten Nordwesten von Skåne (=Schonen), der südlichsten Provinz Schwedens. Sie ragt steil in das Kattegat und den Öresund hinein und ist berühmt für ihre schroffen Klippen, tiefen Meeresgrotten sowie eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt. Teilweise fallen die Felsen bis zu 70 Meter steil ins Meer. Wir wandern an der Westseite der Halbinsel Richtung Norden. An der Spitze steht „Kullen Fyr“, der Leuchtturm, der seit 1835 den Seeleuten hilft, sicher in den Öresund zu gelangen. Im angegliederten „Naturrum“ verschaffen zwei Aquarien uns die Möglichkeit „Unterwasseraufnahmen“ zu machen…

Wieder draußen, pfeift uns der Wind recht kräftig um die Ohren. Aber wir finden einen weitgehend geschützten Platz für unser Picknick mit Aussicht auf das Kattegat betupft mit einigen Segelbooten. Danach geht es auf der Ostseite wieder zurück zu unseren Fahrrädern. Wir schlendern noch einmal um den Hafen von Mölle, an dem die Schweden den letzten Feriensonntag genießen.

Dann trennen wir uns, damit jeder in seinem eigenen Tempo den Rückweg bei Gegenwind bewältigen kann. Skipperin Barbara lässt sich dabei von einem Wegweiser an der Strecke zu einem Abzweig zu einem Café verleiten und landet unverhofft im Schlosspark des Schlosses Krapperup. Es gilt als eines der ältesten und ehemals mächtigsten Rittergüter der Region mit Ursprüngen aus dem 14. Jahrhundert. In den Stallungen wird, leider nur auf Schwedisch, die Geschichte des Schlosses erläutert. Der älteste Gutshof an diesem Ort stammt aus dem 14. Jahrhundert. Das heutige Hauptgebäude geht auf einen Neubau aus der Zeit nach 1570 zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert erfuhr das Schloss weitere Umbauten, die seine heutige Gestalt prägten. Das alles kann man sich auch ohne Sprachkenntnis aus den Abbildungen erschließen. Auffällig sind siebenzackige Sterne an der Fassade des Schlosses. Dazu erfahren wir später aus dem Internet, dass sie aus dem Wappen der Besitzerfamilie „Gyllenstierna (=Güldenstern) stammen, die über Jahrhunderte hier lebte.

Nebenan gibt es tatsächlich ein Café mit einer reichen Kuchenauswahl – noch dazu recht günstig. Für 75 SKR (=6,80€) bekommt man ein Stück Kuchen und Filterkaffee zum Nachfüllen und sitzt wunderbar im Park im Schatten der Bäume.

Da man im weitläufigen Schlosspark nicht Radfahren darf, musste Skipperin Barbara den Drahtesel schieben und beschließt daher nun entlang der Straße (leider ohne Radweg) zu fahren. Nach wenigen Hundert Metern taucht zur Linken eine Kappenwindmühle auf, deren Flügel sich drehen – ein Grund für einen weiteren Umweg. Die Mühle wird von Ehrenamtlichen betrieben, der Eintritt ist frei und man kann bis hoch ins Dach kurz unter die Hauptwelle der Flügel klettern. Es ist beeindruckend, wie die vielen Holzzahnräder ineinandergreifen und dabei ziemlichen Radau produzieren. Der kräftige Wind arbeitet an den Flügeln und der Druck überträgt sich auf die ganze Mühle, die leicht vibriert.

Nun geht es in rasanter Fahrt den Hügel hinab wieder auf den regulären Radweg, der hier „Kattegatleden“ heißt und von Helsingborg bis nach Göteborg über 390 Kilometer der Küste folgt. Auf der alten Bahntrasse geht es weitgehend durch bebaute oder bewaldete Gebiete.

Bei Strandbaden zweigt er dann ab direkt an die Küste. Nun erwischt uns der Südwind mit seiner vollen Stärke. Mit 20 Knoten weht er uns entgegen – da macht Radfahren dann nur noch bedingt Spaß.

Montag, 10.08.2026 – Höganäs – Råå – 17 Seemeilen

Morgens zieht ein Regengebiet durch und wir lassen uns mit dem Morgengetränk und der Tageszeitung Zeit. Leider hat heute das Keramikmuseum genauso geschlossen, wie die Markthalle „Salthallarna“ in der alten Keramikfabrik. Beides kommt auf die lange Liste der Orte, die wir nochmals genauer besuchen wollen. Skipper Werner führt mehrere Telefongespräche mit Fachbetrieben, die unseren Motor überholen könnten. Es scheinen sich zwei Optionen aufzutun, entweder ein Unternehmen in Apenrade, oder ein Unternehmen in Kappeln. Uns wäre es am liebsten, wenn wir Motor und Einspritzpumpe im September überholen lassen könnten, damit wir alles im Oktober noch testen können, bevor Jento für 1,5 Jahre in die Halle gestellt wird.

Erst am späten Vormittag legen wir ab, setzen direkt vor dem Hafen die Segel und laufen auf Raumschotkurs Richtung Süden. Dabei halten wir uns eng vor der schwedischen Küste, um die Großschifffahrt im Fahrwasser nicht zu tangieren. Vor Helsingborg kreuzen wir die Fahrwasser der Schnellfähren, kommen aber keiner in die Quere. Direkt hinter den gewerblichen Hafenbereichen des Ortes liegt unser heutiges Ziel: der Fischerhafen Råå in einer Flussmündung. Leider ist im Fischereihafen flussaufwärts kein Liegeplatz zu finden, also müssen wir an die nebenan liegende, ziemlich große Marina ausweichen, die leider eher einer nüchternen „Bootsaufbewahrung“ gleicht. Aber zumindest gibt es einen gut sortierten Marinebedarfsladen, in dem wir relativ günstig Sicherungen für unsere Wanten kaufen und auch die Produkte von „Sjö&Hav“ finden. Dabei handelt es sich um Seife und Shampoo, die sowohl mit Süß-, als auch mit Salzwasser funktionieren und gut biologisch abbaubar sind. Insbesondere im Mittelmeer nutzen wir diese Produkte sehr gerne, weil wir dort oft im Meer baden oder uns auf der Badeplattform abduschen. In der Ostsee nutzen wir ganz überwiegend die Sanitäranlagen in den Häfen, da wir deutlich seltener ankern.

Im Anschluss schauen wir uns den alten Fischerort an, der durch kleine Fischer- und etwas größere Kapitänshäuser an schmalen Kopfsteinpflasterstraßen gekennzeichnet ist. Wir suchen nach einem Café, aber es ist nichts zu finden. Heute ist Montag und der erste Schultag nach den Sommerferien. Ob es daran liegt, dass es so ruhig ist, oder liegt es an Råå? Wir wissen es nicht, machen noch einen kleinen Spaziergang zum nächstgelegenen ICA-Supermarkt, um uns mit speziellen Knäckebrot-Cräckern einzudecken, die wir letztes Jahr lieben gelernt haben und die es nur in Schweden gibt. Dann machen wir es uns in Cockpit und Kajüte gemütlich.

Dienstag, 11.08.2026 – Råå – Bäckviken – 6 Seemeilen

Der angesagte Starkwind kam nachts. Beim Morgengetränk pfeift es in den Masten. Bei unserer gestrigen Recherche zur Sonnenfinsternis, wurden wir immer wieder auf einen Punkt gestoßen, den wir bisher gar nicht bedacht hatten: Es wird nachdrücklich empfohlen, spezielle Schutzbrillen zu tragen. Hier in Råå bekommen wir die nicht, also besteigt Skipperin Barbara den Bus nach Helsingborg, um sich dort bei Optikern umzuschauen. Sie läuft insgesamt vier verschiedene Optiker an und alle geben zu, von diesem „Event“ bisher nichts gewusst zu haben und daher auch nicht die entsprechenden Schutzbrillen zu führen. Einige haben bereits telefonische Anfragen ihrer Kunden erhalten. Eine Optikerin googelt selbst und stellt fest, dass diese Brillen in Schweden nur online zu bekommen sind. Sie empfiehlt, die normalen Sonnenbrillen zu tragen und nicht die ganze Zeit in die Sonne zu schauen… Eine andere rät, eine alte Sonnenbrille mit dem Feuerzeug oder einer Kerze zu verrußen, um so einen höheren Grad an Verdunklung zu erreichen. Also bleibt nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge wieder zum Boot zurückzukehren, aber diesmal zu Fuß und nicht per Bus. So sind auch noch ein paar Seitenblicke in Helsingborg möglich. Hier findet gerade die „Weltmeisterschaft der Chöre“ statt und ein südamerikanischer Chor nimmt für Foto und Gesang Aufstellung auf den „Terrasstrapporna“ (=Terrassentreppe) zwischen dem großen Marktplatz und dem 40m höher gelegenen Park Slottshagen – eine schöne Untermalung zum Rundumblick über Helsingborg und den Eingang zum Øresund.

Der Rückweg führt vorbei am Mindpark Helsingborg, einem der ersten Vorreiter der Coworking-Scene im Land. Früher geherbergte das Gebäude die Tretornfabrik, die eine Vielzahl von Produkten aus Naturkautschuk herstellten. Ihre Kernprodukte waren anfangs Galoschen und Gummistiefel für die Landwirtschaft, später auch Sneaker und Sportschuhe.

Danach geht es über fünf Kilometer entlang der wenig befahrenen Industrigatan bis der Weg endlich an die Küste abzweigt und nun über die alten Befestigungsanlagen bei Råå führt, die in den Jahren 1712-1713 während des Großen nordischen Krieges errichtet wurden, um die schwedische Küste vor erneuten dänischen Invasionsversuchen zu schützen. Im zweiten Weltkrieg wurden hier zusätzlich Flak-Stationen in Form von Betonbunkern gebaut, um das neutrale Schweden vor Übergriffen durch NS-Deutschland zu schützen.

Skipper Werner kümmert sich in der Zwischenzeit um unsere Wäsche. Wie sich im Nachhinein herausstellt, war die Benutzung von Waschmaschine und Trockner kostenlos – ein echter Pluspunkt für die Marina Råa.

Nach dem Frühstück im nach Süden ausgerichteten sonnigen Cockpit, machen wir Jento fertig fürs Auslaufen. Es weht zwar immer noch mit 20-22 Knoten aus Nordwest, aber unter gereffter Genua läuft Jento mit über 6 Knoten auf Halbwindkurs recht ruhig. Skipper Werner bekommt nur zweimal eine ungewollte Dusche ab, als Wellen mit Wucht an den Rumpf klatschen. Im Wind- und Wellenschutz der Insel Ven wird es ruhig. Im Hafen ist noch Platz, nur die Tiefenangabe der Logge irritiert uns. Sie zeigt 1,40m, Jento hat einen Tiefgang von 1,60m und sie sitzt nicht auf. Ein Blick ins Wasser erklärt, woran das liegt: Das Seegras wächst bis kurz unter die Oberfläche. Da hat die Logge keine Chance, die wahre Tiefe zu messen. Man merkt, dass die Ferien in Dänemark und Schweden zu Ende sind. Die Häfen leeren sich.

Wir brechen noch zu einer kleinen Wanderung auf und können dabei der Getreideernte zuschauen. Abends beruhigt sich auch endlich der Wind und uns erwartet endlich mal wieder eine richtig ruhige Nacht.

Mittwoch, 12.08.2026 – Bäckviken – Barsebäckshamn – 11 Seemeilen

Heute erwartet uns ein besonderer astronomischer Tag. Schon vor dem Sonnenaufgang geht es los, wenn sich im Osten vor Sonnenaufgang sechs verschiedenen Planeten am Osthimmel zeigen: Jupiter, Merkur, Mars, Uranus, Saturn und Neptun. Wenn man dieses „Spektakel“ sehen möchte, braucht man einen freien Blick nach Osten, weshalb wir gestern auf die Ostseite von Ven hier nach Bäckviken verholt haben. Wir haben gestern das Wetter gecheckt und festgestellt, dass wir „eigentlich“ einen klaren Himmel erwarten. Aber man weiß ja nie… Wir haben uns jedenfalls den Wecker gestellt. Als dieser um 4:30 Uhr klingelt, ist es bereits ziemlich hell. Skipperin Barbara steht trotzdem auf, denn auch so eine frühe „blaue“ Stunde hat ja etwas Magisches. Planeten sind tatsächlich keine auszumachen, auch, weil im Nordosten eine Wolke hängt und nach Osten und Süden zu viele Lichter der Stadt Landskrona den Himmel erhellen. Gemeinsam mit den Schafen erwartet sie den Sonnenaufgang bei frischen 12 °C, um danach wieder in die warme Koje zu schlüpfen und etwas Schlaf aufzuholen.

Am frühen Vormittag starten wir dann zu unserem, für das abendliche Sonnenfinsternis-Gucken ausgewählten, Hafen an der schwedischen Westküste: Barsebäckshamn. Leider weht heute nun gar kein Wind mehr und so wird es eine zweistündige Motorfahrt. Schon von Weitem können wir im Hafen einige über die Toppen geflaggte Masten ausmachen. Eine Frage an die KI später, wissen wir, dass hier ab heute und bis Sonntag die schwedischen Meisterschaften der Nordischen Folkeboote stattfinden. Beim anschließenden Frühstück können wir beobachten, wie die auf dem Landweg angereisten Boote aufgeriggt und zu Wasser gelassen werden. Überall knistern die neu wirkenden Segel. Auffällig ist, dass es sich bei den Crews ganz überwiegend über ältere Männer (Ü60) handelt. Nur eine Steuerfrau machen wir aus und ganz vereinzelt jüngere Gesichter. Nach dem Frühstück brechen wir zu einer Erkundungswanderung auf, die uns anfangs über den Skåneleden Richtung Süden und um das ehemalige Kernkraftwerk Barsebäck herum zum Naturschutzgebiet „Salviken-Strandwiesen“ führt. Hier fühlen sich Unmengen an Vögeln im seichten Wasser und den angrenzenden Salzwiesen wohl. In einem Bogen und über Schotterstraßen erreichen wir Schonens größtes Langgrab „Grillhögg“, das auf einer leichten Anhöhe umgeben von großen Kornfeldern liegt. Die Landschaft hier im südlichen Schonen ist flach und eher etwas langweilig. Zurück zum Boot geht es dann leider entlang der Straße, denn Wanderwege sind hier abseits der Küste Mangelware.

Mit dem Kernkraftwerk Barsebäck verbindet Skipper Werner einige Erinnerungen aus seinem Geschäftsleben. Im Jahr 2004 lieferte die Firma Tausende an Warnwecker, die die schwedische Regierung in jedem Haushalt bereitstellte, um frühzeitig warnen zu können, sollte es einen Unfall in einem der schwedischen Kernkraftwerke geben. Rund um Barsebäck ging es schon damals auch um Unfälle beim Rückbau. Denn der erste Reaktor des Kernkraftwerks wurde bereits 1999 abgeschaltet, der zweite dann 2005. Das Rückbauprojekt läuft von 2020 bis 2028 von innen nach außen. Das Gelände soll als radiologisch freies Industriegelände mit den gleichen Strahlungswerten, wie die natürliche Umgebung übergeben werden. Geplant ist die Weiternutzung des Geländes als Solar Park und Batteriespeicherzentrum. Beides soll die Stabilität des schwedischen Stromnetzes in der Region Südschweden unterstützen.

Das Abendessen nehmen wir frühzeitig ein, um nichts vom abendlichen Spektakel zu verpassen. Der Himmel im Nordosten wirkt etwas milchig. Direkt von unserem Liegeplatz auf der Außenseite richten wir uns „häuslich“ ein und haben so einen echten Logenplatz. Nur wenige Schweden kommen zum Schauen. Ein junges dänisches Paar sind die einzigen mit den „echten“ Sonnenfinsternisbrillen. Mit Werners zwei Sonnenbrillen vor den Augen ist es uns kurzfristig möglich, in die Sonne zu schauen und ebenfalls Fotos mit der Kamera zu machen. Für einen „echten“ Blick leihen wir uns ganz kurz von den Dänen die Brillen aus. In Dänemark konnte man die Brillen anscheinend in jedem Supermarkt kaufen – dahin hätten wir also diese Woche einen Abstecher machen sollen… Zur höchsten Abdeckung senkt sich die Sonne dann hinter die milchigen Wolken, was die Abdunklung noch verstärkt – so ein bisschen „Endzeitfeeling“ vermittelt die Situation schon. Derweil gleiten die letzten Folkeboote der Abendregatta leise unter Segeln in den Hafen. Skipper Werner gelingt ein schönes Foto. Nun wird es sehr schnell kalt und wir packen unsere Sachen zusammen, um in den Salon umzuziehen. Von der wieder wachsenden Sonne ist hinter den Wolken wenig zu sehen. Nur nach Abschluss der Sonnenfinsternis erscheint sie nochmals kurz am Horizon, bevor sie für heute untergeht. Leider verhindern die Schleierwolken auch den freien Blick auf den Nachthimmel – statt Sternschnuppen sehen wir nur die Flieger im Anflug auf Kopenhagen.

Donnerstag, 13.08.2026 – Barsebäckshamn – Margretheholm Havn – 11 Seemeilen

Schon gestern beobachteten wir viele Schweden an der anderen Hafenseite beim Sonnen- und Wasserbaden. Auch am Morgen kommen sie bekleidet mit Bademänteln angeradelt, um ein Morgenbad zu nehmen. Skipper Werner will auch und behauptet, es sei ok, wenn man erstmal drin sei. Leider gibt es ein paar kleinere Feuerquallen, so dass er ganz froh ist, von Barbara Tipps für ein sicheres Entsteigen der Fluten zu bekommen.

Bevor wir ablegen, lassen wir erstmal das Feld der knapp zwei Dutzend Folkeboote unter Segeln den Hafen verlassen. Sie starten zur ersten Wettfahrt. Dann legen auch wir ab – es hat uns hier gut gefallen, durchaus ein empfehlenswerter Stopp im Öresund, wenn man einen ruhigen Ort möchte! Heute segeln wir nach Kopenhagen, denn wir erwarten Besuch für das Wochenende. Lukas und Carina kommen heute Abend an Bord.

Anfangs dümpeln wir bei wenig Wind, müssen sogar zwei Seemeilen unter Maschine laufen, bevor der vorhergesagte Wind endlich kommt und wir richtig schön segeln können und das sogar bis kurz vor die Brücke zum Margretheholms Havn. Wir machen für eine kleine halbe Stunde an der Wartebrücke fest, bevor es in das Hafenbecken zu Füßen der Kopenhagener Müllverbrennungsanlage geht. Auf ihrem Dach befindet sich die einzige Skipiste Dänemarks. Man kann entweder mit dem Fahrstuhl hinauffahren oder über einen Wanderweg. Das sparen wir uns auf, bis die „Kinder“ da sind.

Mit den Rädern machen wir eine kurze Tour ins Kopenhagener Stadtzentrum – es ist proppenvoll und Radfahren ist hier kein reines Vergnügen. Nicht wegen der Autofahrer, sondern wegen der Menge an Radfahrern. Auf dem Platz vor dem Parlamentsgebäude sind große Zelte aufgebaut – hier ist der Zieleinlauf für den Ironman-Wettkampf, der am Wochenende stattfindet. Auf den Treppen zum Wasser tummeln sich Sonnenanbeterinnen und Sonnenanbeter, die zum Abkühlen von den Piers ins Wasser springen.

Nach dem Abendessen besucht uns unser schwedischer Nachbar Krister und wir bekommen ein paar Tipps. So vergeht der Abend schnell, bis zur Ankunft der Kinder.

Freitag, 14.08.2026 – Margaretheholm Havn – Bäckviken – 14 Seemeilen

Uns begrüßt ein sonniger Morgen, es ist ein Hochsommertag vorhergesagt. Da es für Lukas heute auch ein regulärer Arbeitstag ist, überlassen wir ihm das Boot als Büro und machen uns mit Carina zu Rad auf eine Kopenhagenrunde. Werner wird dabei erstmal ausgebremst, denn sein Hinterrad hat einen Platten. Da wir einen Ersatzschlauch dabeihaben, sollte die Reparatur schnell funktionieren und er zu uns Mädels aufschließen. Aber weitgefehlt. Leider versteckt sich im Mantel der Dorn und schafft es, den neuen Schlauch direkt ebenfalls zu durchlöchern und zwar gleich doppelt. So wird aus: „ich ziehe schnell einen neuen Schlauch ein“ unversehens eine längere Reparatur. Die Mädels radeln derweil entlang der Küste mit Blicken auf das Schauspielhaus, die Nationalbibliothek, die Oper und die ehemalige Werfthablinsel „Refhaløen“ auf der sich Nordeuropas größter Street-Food-Markt „Reffen“ befindet. Außerdem bieten die alten Werftgebäude kleinen Startups, Kreativwerkstätten, Handwerksbetrieben und Kunstprojekten Raum. An der Kaikante findet man zudem spannende Container-Wohnprojekte und sogar eine ausgewiesene Schwimmbahn. Wir beginnen mit einem Abstecher zum Gelände des Heavy-Metal-Festivals Copenhell“ direkt neben dem Hafen. Erst aus direkter Nähe wird deutlich, wie groß das Wolfsgemälde ist, dass seit 2010 jedes Jahr Ende Juni hier stattfiondet. Das Wolfsgesicht an der ehemaligen Halle der Dieselmotorenfabrik von Burmeister&Wain ist seit 2015 das dauerhaft visuelle Wahrzeichen des Festivals. Es wurde von Victor Ash geschaffen, der auch den „Astronaut Comonaiz“ in Berlin Kreuzberg schuf und hat eine Fläche von 2000 Quadratmeter bei einer Höhe von ca. 60 Metern. Der Künstler brauchte für die Erstellung ca. 2,5 Wochen auf einer schwindelerregend hohen Hebebühne bei teils starkem Küstenwind im recht kalten Frühjahr.

Im Anschluss schlendern wir einmal um den Christianshavn Kanal bis zur Kirche. Zum gebuchten Slot für die Ersteigung des 90m hohen Kirchturms der „Vor Frelsers Kirke“ (=Erlöserkirche) ist Werner wieder dabei. Die letzten 150 der 400 Treppenstufen laufen außen am Kirchturm in die Höhe und werden immer schmaler – für Carina mit ihrer Höhenangst eine echte Herausforderung, die sie aber mutig bewältigt (Konfronationstherapie!).

Neben dem beeindruckenden Turm besitzt die Kirche auch zwei weltberühmte Musikschätze. Das eine ist die Barockorgel, die in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut wurde. Die sichtbaren Pfeifen stammen aus dem Baujahr und sind damit die ältesten in Kopenhagen. Die Orgel wird von zwei geschnitzten Elefanten getragen, eine Huldigung an den Elefantenorden von König Christian V. Das zweite ist das größte Glockenspiel Nordeuropas, das 48 Bronzeglocken umfasst. Dabei wiegt die schwerste 2 Tonnen, die kleinste nur 11 Kilogramm.

Nach einem Abstecher nach Christiania geht es zurück zum Boot. Wir wollen die Brückenöffnung um 14:00 Uhr zum Auslaufen nutzen. Der Wind weht aus südöstlicher Richtung und wir wollen zurück nach Ven. Anfangs versuchen wir es unter Groß und Genua im Schmetterling, später packen wir den Blister aus und mit ein paar Extrahänden klappt die Premiere mit dem Bergungsschlauch hervorragend.

In Bäckviken auf Ven erwischen wir die letzte freie Box und genießen den Abend im sonnigen Cockpit. Wir bauen allerdings die Kuchenbude auf, denn unsere Gäste wollen im Cockpit schlafen und das wird ohne Kuchenbude einfach zu feucht.

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